Der Frühling kam, der Frühling rief

Vom Berg in′s Tal hinunter:

"Wär′ euer Schlaf auch noch so tief,

Ihr Schläfer, werdet munter!"

 

Da regten tausend Keime sich

Und wurden stark und stärker,

Und dehnten sich und streckten sich

Und sprengten ihre Kerker.

 

Da traten Blätter zart und weich

Aus kleinen braunen Wiegen,

Um schüchtern an den schlanken Zweig

Sich innig anzuschmiegen.

 

Da sprang Schneeglöckchen pfeilgeschwind

Aus seinem grünen Bette;

Es glaubte schon das schöne Kind,

Daß es verschlafen hätte.

 

Da öffneten sich allzumal

Die Särge der Winterschläfer;

Da spielten in der Sonne Strahl

Die Mücken und die Käfer.

 

Da wurden auch die Veilchen wach,

Die tief im Grase wohnen,

Und bunte Primeln folgten nach

Und weiße Anemonen.

 

Da fing mein Herz zu klopfen an,

So schmerzlich und so bange;

Ein Strom von bittern Tränen rann

Heiß über meine Wange.

 

Der Lieben hab′ ich still gedacht,

Die grüne Hügel decken,

Und die der Lenz mit seiner Macht

Nicht kann vom Schlaf erwecken.


Das Gedicht "Im Frühling" stammt von (* 1816-07-21, † 1896-05-02).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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