Original
1.
Mir ist geschehen als einem kindelîne,
daz sîn schoenez bilde in einem glase gesach
unde greif dar nâch sîn selbes schîne
sô vil, biz daz ez den spiegel gar zerbrach.
Dô wart al sîn wunne ein leitlich ungemach.
Alsô dâhte ich iemer vrô ze sîne,
dô ich gesach die lieben vrouwen mîne,
von der mir bî liebe leides vil geschach.
2.
Minne, diu der werelde ir vröide mêret,
seht, diu brachte in troumes wîs die vrouwen mîn,
dâ mîn lîp an slâfen was gekêret
und ersach sich an der besten wunne sîn.
Dô sach ich ir liehten tugende ir werden schîn,
schoen unde ouch vür alle wîp gehêret,
niuwen daz ein lützel was versêret
in vil vröuden rîchez rôtez mündelîn.
3.
Grôz angest hân ich des gewunnen,
daz verblîchen süle ir mündelîn sô rôt.
Des hân ich nu niuwer klage begunnen,
sît mîn herze sich ze sülher swaere bôt,
daz ich durch mîn ouge schouwe sülhe nôt
sam ein kint, daz wîsheit unversunnen
sînen schaten ersach in einem brunnen
und den minnen muose unz an sînen tôt.
4.
Hôher wîp von tugenden und von sinnen
die enkan der himel niender ummevân
sô die guoten, die ich vor ungewinne
vremden muoz und immer doch an ir bestân.
Owê leider, jô wânde ich's ein ende hân
ir vil wunnenclîchen werden minne.
Nû bin ich vil kûme an dem beginne.
Des ist hin mîn wunne und ouch mîn gerender wân.
Übersetzung auf Hochdeutsch
1.
Mir ist es ergangen wie einem kleinen Kinde,
das sein reizendes Bild in einem Spiegel erblickte
und so lange nach dem eigenen Widerschein griff,
bis es endlich den Spiegel ganz zerbrach.
Da verwandelte sich all seine Wonne in schmerzliches Leid.
So glaubte auch ich, stets froh zu leben, als
ich meine geliebte Herrin sah, von der ich
Freude, aber auch viel Leid erfuhr.
2.
Die Liebe, die den Menschen ihre Freude mehrt,
seht, die brachte, wie es im Traum geschieht,
meine Herrin dorthin, wo ich im Schlafe lag und
mich im Anblick meiner höchsten Glückseligkeit
verlor. Da schaute ich ihre strahlende Vollkommenheit
und ihren edlen Glanz, schön und erhabener
als alle Frauen, nur ihr rotes Mündchen, sonst
Quelle meines Entzückens, war ein wenig verletzt.
3.
Große Angst hat mich darum ergriffen, daß ihr
kleiner roter Mund erblassen werde. Daher habe ich
jetzt neue Klage erhoben, da mein Herz sich solchen
Schmerzen darüber ausgesetzt hat, daß sich meinen
Augen ein so qualvoller Anblick bot. Mir ging es wie
einem Kind, das -im Denken unerfahren -sein
Spiegelbild in einem Quell erblickte und es bis
zu seinem Tode lieben muß.
4.
Frauen, vollkommener und geistvoller als die Gute,
die ich mir zum Schaden meiden muß, an der ich
aber dennoch immer festhalte, kann es unter dem
Himmel nirgends geben. Ach, dieser Schmerz!
Ich glaubte doch wahrhaftig, ich hätte ein Ziel erreicht:
ihre beglückende, herrliche Liebe. Jetzt stehe ich kaum
am Anfang. Darum ist meine Freude zerronnen und
auch meine sehnsüchtige, doch eitle Hoffnung.
Gedichte