Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst;

Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst;

Die Blätter in den Gipfeln schwiegen

Und fühlten ein geheim Vergnügen.

Der Vögel Chor vergaß der Ruh′

Und hörte Philomelen zu.

Aurora selbst verzog am Horizonte,

Weil sie die Sängerin nicht g′nug bewundern konnte.

Denn auch die Götter rührt der Schall

Der angenehmen Nachtigall;

Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren

Ließ Philomele sich noch zweimal schöner hören.

Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr

Und spricht: "Du singst viel reizender als wir;

Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen;

Doch eins gefällt uns nicht an dir,

Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen."

 

Doch Philomele lacht und spricht:

"Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht

Und wird mir ewig Ehre bringen.

Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen.

Ich folg′ im Singen der Natur;

So lange sie gebeut, so lange sing′ ich nur.

Sobald sie nicht gebeut, so hör′ ich auf zu singen;

Denn die Natur läßt sich nicht zwingen."

 

O Dichter, denkt an Philomelen,

Singt nicht, so lang ihr singen wollt.

Natur und Geist, die euch beseelen,

Sind euch nur wenig Jahre hold.

Soll euer Witz die Welt entzücken,

So singt, so lang ihr feurig seid,

Und öffnet euch mit Meisterstücken

Den Eingang in die Ewigkeit.

Singt geistreich der Natur zu Ehren;

Und scheint euch die nicht mehr geneigt,

So eilt, um rühmlich aufzuhören,

Eh′ ihr zu spät mit Schande schweigt.

Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen?

Er bindet sich an keine Zeit.

So fahrt denn fort, noch alt zu singen,

Und singt euch um die Ewigkeit.


Das Gedicht "Die Nachtigall und die Lerche" stammt von   (1715 - 1769).


Anmerkung

Passend zum Motiv empfehlen wir die Lektüre des Gedichts Die tote Lerche von Droste-Hülshoff.




Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Empfehlungen

Passend zur Thematik, ein paar ausgesuchte Gedichte anderer Autoren:



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte