Die Nacht verrinnt, der Morgen dämmert,
Vom Hof her poltert die Fabrik
Und walkt und stampft und pocht und hämmert,
Ein hirnzermarterndes Gequik!
Die Nacht verrinnt, der Traumgott ruht nun,
Die Welt geht wieder ihren Lauf,
Zum Himmel spritzt der Tag sein Blut nun,
Die Nacht verrinnt und seufzend thut nun
Das Elend seine Augen auf!

Die Schläfen zittern mir und zucken,
Denk ich, o Volk, an deine Not,
Wie du dich winden musst und ducken,
Dich ducken um ein Stückchen Brod!
Du wälzst vertiert dich in der Gosse
Und baust dir selbst dein Blutgerüst,
Indess in goldener Karosse,
Vor seinem sandsteingelben Schlosse
Der Dandy seine Dirne küsst!

Die Ritter von der engen Taille,
Das sind die schlimmsten aus dem Corps,
Sie schimpfen hündisch dich Kanaille!
Und haun dich schamlos übers Ohr.
Was kümmert sie's, wenn Millionen
Verreckt sind hinterm Hungerzaun?
Noch gibt's ja lachende Dublonen,
Kasernen, Kirchen und Kanonen
Und – köstlich mundet ein Kapaun!

O sprich, wie lang noch soll es dauern,
Das alte Reich der Barbarei!
Noch stützen tausend dunkle Mauern
Die feste Burg der Tyrannei.
Doch ach, dein Herz ward zur Ruine,
Du lächelst nur und nickst dazu!
Denn auch der Mensch wird zur Maschine,
Wenn er mit hungerbleicher Miene
Das alte Tretrad schwingt wie du!


Das Gedicht "Die Nacht verrinnt, der Morgen dämmert" stammt von   (1863 - 1929).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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