O schaurig ist′s übers Moor zu gehn,

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

Sich wie Phantome die Dünste drehn

Und die Ranke häkelt am Strauche,

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Wenn aus der Spalte es zischt und singt! -

O schaurig ist′s übers Moor zu gehn,

Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

 

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

Und rennt als ob man es jage;

Hohl über die Fläche sauset der Wind -

Was raschelt drüben am Hage?

Das ist der gespenstige Gräberknecht,

Der dem Meister die besten Torfe verzecht;

Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Hinducket das Knäblein zage.

 

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,

Unheimlich nicket die Föhre,

Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,

Durch Riesenhalme wie Speere;

Und wie es rieselt und knittert darin!

Das ist die unselige Spinnerin,

Das ist die gebannte Spinnlenor′,

Die den Haspel dreht im Geröhre!

 

Voran, voran, nur immer im Lauf,

Voran als woll′ es ihn holen!

Vor seinem Fuße brodelt es auf,

Es pfeift ihm unter den Sohlen

Wie eine gespenstige Melodei;

Das ist der Geigemann ungetreu,

Das ist der diebische Fiedler Knauf,

Der den Hochzeitheller gestohlen!

 

Da birst das Moor, ein Seufzer geht

Hervor aus der klaffenden Höhle;

Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:

»Ho, ho, meine arme Seele!«

Der Knabe springt wie ein wundes Reh;

Wär′ nicht Schutzengel in seiner Näh′,

Seine bleichenden Knöchelchen fände spät

Ein Gräber im Moorgeschwele.

 

Da mählich gründet der Boden sich,

Und drüben, neben der Weide,

Die Lampe flimmert so heimatlich,

Der Knabe steht an der Scheide.

Tief atmet er auf, zum Moor zurück

Noch immer wirft er den scheuen Blick:

Ja, im Geröhre war′s fürchterlich,

O schaurig war′s in der Heide!


Das Gedicht "Der Knabe im Moor" stammt von   (1797 - 1848).


Begriffe

Erläuterung der verwendeten Begriffe:

  • Fibel — Lesebuch für die ersten Klassen.
  • Fiedler — Geige spielender [Straßen]-Musikant.
  • Föhre — Kiefer (Nadelholzgewächs).
  • Geröhre — Rohrdickicht, Schilf.
  • Hag(e) — von einer Hecke (Gebüsch) eingehegtes bzw. eingefriedetes Gelände.
  • Haspel — auch Weife genannt, ist ein technisches Hilfsmittel zum Auf- und Abwickeln von langgestreckten Materialien wie Garnen, Seilen, Drähten und Bändern.
  • Heiderauch — auch Moorrauch: der durch Feuer entstehende dichte Rauch reduzierte in der unmittelbaren Umgebung die Sicht auf weniger als 30 m und verursachte Atembeschwerden.
  • Hochzeit-Heller — Heller (eine frühere deutsche Kupfermünze) der zur Hochzeit geschenkt wird.
  • Margret — Spukgestalt.
  • Moorgeschwele — Torf der langsam und ohne Flamme mit starker Rauchentwicklung brennt.
  • Phantom — französisch 'fantôme' von altgriechisch 'phántasma' „Erscheinung, Gespenst, Trugbild“.
  • Ranke — Kletterpflanze.
  • Röhricht — Schilf an den Wasserrändern.
  • Scheide — Grenze, die 2 Bereiche voneinander trennt: Wegscheide, Wasserscheide.

Zusammenfassung / Inhalt

Die Ballade „Der Knabe im Moor“ handelt von einem Jungen, der auf dem Heimweg durch ein gespenstisches Moor gehen muss. Die dunkle Landschaft, Nebel, Geräusche und der unsichere Boden machen ihm große Angst. Dabei glaubt er, verschiedene Geister und unheimliche Gestalten zu sehen oder zu hören. Je weiter er durch das Moor läuft, desto größer wird seine Angst, sodass er schließlich voller Panik zu rennen beginnt. Ein Schutzengel bewahrt ihn davor, im Moor zu versinken. Schließlich erreicht der Junge festen Boden und sieht das vertraute Licht seines Elternhauses. Er ist erleichtert, blickt aber noch einmal ängstlich zum Moor zurück.

Analyse

Die Ballade "Der Knabe im Moor" (1842; Epoche des Biedermeier) besteht aus 6 Strophen mit je 8 Versen die durchgängig das Reimschema [abab cc ab] aufweisen.
Die ersten 4 Verse jeder Strophe sind im Kreuzreim [abab] verfasst, mit abwechselnd männlicher und weiblicher Kadenz. Die nächsten beiden Verse sind ein Paarreim [cc] mit männlicher Kadenz. Dann folgt wieder das Reimschema [ab].
Das Versmaß zeichnet sich durch einen Wechsel von Jamben und Anapästen (drei- und vierhebig) aus.




Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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