Gleich wie zu Sommerszeit wann alles frölich blühet /

Vnnd man sich Wald / Feld / Berg vnnd Thal verjüngen sihet /

Vor aller Blumen Schar / so jrrgend mögen seyn /

Die zarte Lilie leßt blicken ihren Schein:

Es fliegen auff sie zu die Bienen hauffen weise /

Vnd saugen mit Begier die angenehme Speise /

Vnd wohlgeschmackten Safft; sie hebt ihr Haupt empor;

Es gläntzt ihr weisses Kleyd vor allen Blumen vor:

Jhr lieblicher Geruch erfrewet Hertz′ vnd Sinnen;

Man muß ihr günstig seyn / vnd muß sie lieb gewinnen:

Der schöne Zephyrus wird gegen ihr entzünd /

Vnd weht auß Huld jhr zu den süssen Liebeswind.

Bald kömpt der scharpffe Nord gantz vnverhofft gebrauset

Quer vber Feld daher / pfeifft / heulet / singt vnd sauset /

Vnd nimpt die Lilie mit Vngestümme hin;

Die liebliche Gestalt bricht nichts nicht seinen Sinn.

Das grüne Feld beginnt vmb seine Zier zu trawren /

Die andern Blumen auch muß jhre Schwester tawren /

Die Bienen fliegen selbst vor Schmertz vnd Trawrigkeit

Verjrrt jetzt hin / jetzt her / vnd tragen grosses Leyd.

So bistu auch zuvor / du schöneste / gewesen /

Du stirbst / durch welch′ ich mir verhoffte zu genesen /

O du mein Trost zuvor: jetzt bistu nackt vnd bloß /

Vnd kriegest einen Sarch vor deines Liebsten Schoß.

Du weisse Lilie / du Spiegel aller Tugend /

In deiner besten Blüt′ vnd in der grünen Jugend

Kürtzt dir der grimme Tod dein schnelles Leben ab /

Vnd führet dich behend′ auß dieser Welt ins Grab.

Doch bistu nun von jhr vnd jhrer Noth gerissen;

Ich muß hier ohne dich in Qual vnd Trawren büssen;

Ich wall′ im weiten Meer / in Wellen aller Noth.

Du bist tod lebendig / ich bin lebendig tod.


Das Gedicht "Vber den Abschied einer Edelen Jungfrawen. Vnter eines andern Namen." stammt von   (1597 - 1639).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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