Ihr, ihr mit offenen Augen

Ihr kennet nicht meine Nacht!

Da ist Alles so finster so dunkel,

Kein freundliches Sternlein wacht.

 

Die schöne, die liebliche Erde

Ich habe sie lang nicht erschaut,

Ich höre vom Leben der Menschen

Nur süßen, bitteren Laut.

 

Ich athme den Frühling im Winde,

Ich spür ihn im Blumenduft -

Mir ist wie dem Bräutigame

Vor seiner Geliebten Gruft.

 

Die tröstlichen Lichter am Himmel,

Der silbernen Wellen Blick,

Ich sehe sie nimmer, ich höre

Nur ihre Tanzmusik.

 

Mir will kein Antlitz scheinen,

O weh mir schrecklichem Mann!

Weiß nicht, ob auch eine Seele

Mich lieben und leiden kann.

 

Ich schaue nur blasse Gedanken,

Ich greife Gefühl ohne Leib,

Nur Ahnen und Wiedervergessen

Das ist mein Zeitvertreib.


Das Gedicht "Der Blinde" stammt von   (1827 - 1892).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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