Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!
Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.
Und schießen sie –: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen …
Und verspürt ihr auch
in euerm Bauch
den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!
Das Gedicht "Rosen auf den Weg gestreut" stammt von Kurt Tucholsky (1890 - 1935).
Zusammenfassung / Inhalt
In dem Gedicht wird die politische und gesellschaftliche Situation der Weimarer Republik kritisch dargestellt. Tucholsky fordert die Menschen zunächst scheinbar dazu auf, den Mächtigen und Verantwortlichen freundlich und nachsichtig zu begegnen. Hinter dieser scheinbaren Zustimmung steckt jedoch Spott und Ironie: Tucholsky kritisiert die Gleichgültigkeit und politische Passivität der Gesellschaft. Das Gedicht macht deutlich, dass politische Entscheidungen und Ungerechtigkeiten nicht einfach hingenommen werden sollten. Es fordert indirekt dazu auf, kritisch zu denken und sich gegen gesellschaftliche Missstände zu wehren.
Analyse
Das Gedicht „Rosen auf den Weg gestreut“ (1931; Epoche der Neuen Sachlichkeit) besteht aus 3 Strophen. Die ersten beiden haben je 6 Verse, und die dritte Strophe hat 11 Verse. Das Reimschema in Strophe 1 und 2 beginnt mit einem Kreuzreim, gefolgt von einem Paarreim [ababcc]. Die dritte Strophe erweitert dieses Muster durch weitere Paarreime und einen umarmenden Reim am Ende.
Das Versmaß ist ein meist ein Jambus und die Kadenzen sind abwechselnd männlich und weiblich.
Hintergrund
Die Schlusszeile jeder Strophe lautet "Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft". Es ist eine Anspielung auf die Parole der KPD "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft". Diese wurde ursprünglich 1924 ausgegebenen und 1929 reaktiviert. Sie entsprach zwar schon ein Jahr später nicht mehr der offiziellen Parteilinie, wurde aber von ihr nahestehenden paramilitärischen "Schutztruppen" weiterverwendet. Dazu zählen insbesondere der "Rote Frontkämpferbund" (1924 gegründet und 1929 verboten) und die "Antifaschistische Aktion" (oft kurz „Antifa“ genannt).
Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.
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