Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,
aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts
noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt eure Bogen von er Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Anmerkung:
Khalil Gibran wurde am 6. Januar 1883 in Bsharri im Libanon geboren. Er wanderte 1895 mit seinen Eltern nach Boston aus und ließ sich später in New York City nieder. Seine Werke, die sowohl auf Arabisch als auch auf Englisch verfasst sind, sind voller lyrischer Ausbrüche und drücken seine tief religiöse und mystische Natur aus. Das Buch „Der Prophet“ (1923), eine Sammlung poetischer Essays, erlangte unter mehreren Generationen amerikanischer Jugendlicher Kultstatus. Gibran starb am 10. April 1931 in New York City.
Kahlil Gibrans Gedicht „Eure Kinder“ (Original: On Children) lehrt, dass Kinder nicht das Eigentum ihrer Eltern sind, sondern unabhängige Seelen („Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens“), die durch ihre Eltern kommen, nicht von ihnen. Eltern sollten Liebe, Schutz und Anleitung bieten, aber vermeiden, ihre eigenen Gedanken aufzuzwingen oder Klone zu schaffen, sondern stattdessen als „Bögen“ fungieren, die ihre Kinder als „lebendige Pfeile“ in die Zukunft schießen.
„Eure Kinder“ ist eine Fabel als Prosagedicht. Dieses Gedicht hat kein festes metrisches Schema. Es folgt nicht dem Schema herkömmlicher Poesie. Der gesamte Text folgt zwar in gewisser Weise der poetischen Form, weist jedoch nicht alle Merkmale auf. Die Zeilen sind vergleichsweise länger und haben kein bestimmtes Reimschema. Es handelt sich also um einen freien Vers.
Dieses Gedicht ist aus der Perspektive des "Propheten" geschrieben. Die einleitenden Zeilen sind hingegen aus der allwissenden Perspektive verfasst. Im Text gibt es 2 Sprecher. Der erste Sprecher ist eine Frau oder eine Fragende, der zweite Sprecher ist derjenige, der die Antwort kennt. Letzterer steht im gesamten Werk im Vordergrund, da er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Alle um ihn herum wollen von ihm lernen. Der Leser stellt also fest, dass dieses Gedicht in Form eines Gesprächs verfasst ist, aber die zentrale Figur spricht während des gesamten Gedichts.
Anmerkung: Weitere Gedichte über Kinder:
- Kindheit - Rilke
- Gruß an die Kinder - Dehmel
- Das Kind ruht aus vom Spielen - Eichendorff
- Mein jüngstes Kind - Storm
Gedichte