Ich hielt dein Herz einst für ein tiefes Meer,

Auf dessen Grund viel edle Perlen lägen.

Beim Tauchen fand ich alle Muscheln leer,

Scheußlich Gewürm nur that die Tiefe hegen.

Ich fand den Schwertfisch roher Wankellaunen,

Das Molchgezücht der Heuchelei und Lüge -

Entsetzen faßte mich und schmerzlich Staunen,

Ist's möglich, daß die Außenseit' so trüge.

 

Die Oberfläche war so spiegelglatt,

Die Flut schien mir so durchsichtig und helle,

Sie ließ nicht ahnen was die Tiefe hat,

So manchen Riff, so manche Klippenstelle.

Die Leidenschaften, die dort schrecklich stürmen,

Sind wildverzerrte, scheußliche Gestalten,

Die bald sich flieh'n, bald aufeinander thürmen,

Im steten Kampf als feindliche Gewalten.

 

Ich hing an einem spitzen Felsenriff,

Vom Wogensturm zerwirbelt und zerschlagen;

Da hat mich einer Welle kühner Griff,

Zur Oberfläche rasch zurückgetragen.

Am Ufer lieg' ich nun mit meinen Wunden,

Und keine Hand kann Balsam für sie pressen,

Denn was ich in der dunkeln Tief' gefunden,

Kann ich im Sonnenlichte nicht vergessen.


Das Gedicht "Wie man sich irren kann" stammt von   (1801 - 1877).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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