Original

1.
Von den elben wirt entsehen vil manic man,
sô bin ich von grôzer liebe entsên
von der besten, die ie dehein man ze vriunt gewan.
wil aber sî dar umbe mich vên
Und ze unstaten stên,
mac si danne rechen sich
und tuo, des ich si bite. sô vreut si sô sêre mich,
daz mîn lîp vor wunnen muoz zergên.

2.
Sî gebiutet und ist in dem herzen mîn
vrowe und hêrer, danne ich selbe sî.
hei wan muoste ich ir alsô gewaltic sîn,
daz si mir mit triuwen waere bî
Ganzer tage drî
unde eteslîche naht!
sô verlür ich niht den lîp und al die maht.
jâ ist sie leider vor mir alze vrî.

3.
Mich enzündet ir vil liehter ougen schîn,
same daz viur den durren zunder tuot,
und ir vremeden krenket mir daz herze mîn
same daz wazzer die vil heize gluot.
Und ir hôher muot
und ir schoene und ir werdecheit
und daz wunder, daz man von ir tugenden seit,
daz wirt mir vil übel - oder lîhte guot?

4.
Swenne ir liehten ougen sô verkêrent sich,
daz si mir aldur mîn herze sên,
swer dâ enzwischen danne gêt und irret mich,
dem muoze al sîn wunne gar zergên!
Ich muoz vor ir stên
unde warten der vröiden mîn
rehte alsô des tages diu kleinen vogellîn.
wenne sol mir iemer liep geschên?

Übersetzung auf Hochdeutsch

1.
So mancher Mann wird von Elben bezaubert, ebenso
bin ich bezaubert durch die berückende Anmut, die
einer Frau zu eigen ist, wie man keine vortrefflichere
je zur Geliebten gewonnen hat. Will sie mich aber
darum feindlich behandeln und ins Unglück stürzen,
dann mag sie Rache nehmen, und zwar möge sie das
tun, worum ich sie bitte. Damit schenkt sie mir solche
Freude, daß ich vor Wonne sterben muß.

2.
Sie gebietet und ist Herrin in meinem Herzen,
mächtiger, als ich selbst es bin.
Ach, könnte ich doch einmal
eine solche Macht über sie ausüben,
daß sie, mir ergeben, drei volle Tage
und manche Nacht bei mir weilte.
Dann verlöre ich nicht das Leben und alle Kraft.
Ja, sie ist leider allzu unabhängig von mir.

3.
Der strahlende Glanz ihrer Augen
entflammt mich wie das Feuer den dürren
Zunder, und ihre Zurückhaltung tut
meinem Herzen weh wie das Wasser
der so heißen Glut. Ihr hoher Sinn, ihre Schönheit,
ihr Wert und was man sonst aus der Fülle
ihrer Vorzüge rühmt, bedeutet für mich Unheil -
oder vielleicht auch mein Glück?

4.
Wenn sich einmal ihre strahlenden Augen
so auf mich richten, daß sie ganz durch
mein Herz dringen, wer immer dann
dazwischentritt und mich stört, dem möge
all seine Freude zerfließen! Ich muß vor ihr
stehen und auf meine Freude warten, ganz wie
die kleinen Vögel auf den Tag.
Wann wird mir je Freude widerfahren?


Das Gedicht "Von den elben" stammt von   (1149 - 1221).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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