Mittelhochdeutsch

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine:
dar ûf satzt ich den ellenbogen:
ich hete in mîne hant gesmogen 
daz kinne und ein mîn wange.
dó dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben.

deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot:
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.

diu wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und weltich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze:
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.

Hochdeutsche Übersetzung

Ich saß auf einem Steine
und deckte Bein mit Beine,
darauf der Ellenbogen stand;
es schmiegte sich in meine Hand
das Kinn und eine Wange.
Da dachte ich sorglich lange,
Wozu auf Erden dient dies Leben?

Und konnte mir nicht Antwort geben,
wie man drei Ding’ erwürbe,
dass ihrer keins verdürbe.
Zwei Ding’ sind Ehr’ und zeitlich Gut,
das oft einander Schaden tut,
das dritte Gottes Segen,
den beiden überlegen.

Die hätt ich gern in einem Schrein.
Doch mag es leider nimmer sein,
dass Gottes Gnade kehre
mit Reichtum und mit Ehre
zusammen ein ins gleiche Herz.
Sie finden Hemmnis allerwärts;
Untreu hält Hof und Leute,
Gewalt geht aus auf Beute,
Gerechtigkeit und Fried ist wund,
Die drei genießen kein Geleit,
Eh diese zwei nicht sind gesund.


Das Gedicht "Ich saz ûf eime steine" stammt von   (1169 - 1229).


Zusammenfassung / Inhalt

Das Gedicht „Ich saß auf einem Steine“ (Reichsklage) handelt von einem lyrischen Ich, das über sein Leben und die Welt nachdenkt. Es sitzt nachdenklich auf einem Stein, die Beine übereinandergeschlagen und das Kinn auf die Hand gestützt und betrachtet die Menschen und das gesellschaftliche Geschehen. Dabei beschäftigt es sich mit den 3 Dingen, die für ein gutes Leben wichtig sind: Ehre, Besitz (bewegliche (mobile) Habe) und Glück (Gottes Gnade).
Das lyrische Ich stellt fest, dass diese 3 Dinge eng miteinander verbunden sind und das Leben eines Menschen bestimmen. Es kritisiert außerdem, dass in der Gesellschaft nicht immer diejenigen Anerkennung erhalten, die sie verdienen. Stattdessen können Reichtum und gesellschaftliche Stellung darüber entscheiden, wie ein Mensch angesehen wird.
Der Dichter kommt zu dem Schluss, dass es unmöglich ist, weltlichen Besitz/Ehre und Gottes Gnade im Herzen zu vereinen, da Treue und der rechte Weg in der Welt verloren gegangen sind.




Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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