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Die Wanderungen des Ahasverus - Erste Wanderung I.


Fragment.

 

1.

 

Jerusalem lag eingehüllt in Schatten,

Es schwieg die Stadt, des Kidrons dunkle Welle,

Die sich ihr Bett in heil′gem Grunde wühlt,

Tobt wild vorüber an Bezotha′s Schwelle,

Und Moria′s Fuß, den sie mit Schaum umspült.

Nicht Mond noch Stern war in den weiten Auen

Des Himmels zu erschauen;

Durch Acra′s schlanke Cedern rauschten Winde,

Ein wehend Brausen über Zion flog,

Ob ihrem Haupt die trübe Wolke zog,

Und hüllt es ein in eine Trauerbinde;

Hoch in der Luft hört man das dumpfe Grollen

Des Donners nah, und immer näher rollen.

 

2.

 

Und schon sieht man die jagenden Gewitter,

Vom Sturm gefegt, am hohen Himmel streiten! –

Dort, wo es leuchtend durch den Aether blitzt,

Ist Golgatha! – Auf seiner Zinne sitzt

Ein Engel, einsam weinend! Sieh, da schreiten

Im langen Zuge wankende Gestalten,

Und ihre Hände falten

Sich betend, als sie nahn dem heil′gen Orte.

»Setzt hin die Bahre, Männer, die ihr tragt!«

So tönen von der Höh′ des Engels Worte.

Die Männer aber, in die Flucht gejagt,

Entweichen jählings, und des Herren Bote

Berührt den Sarg, und es ersteht der Todte. –

 

3.

 

»Wer ruft den Geist zurück in seine Hülle?«

Seufzt der Erwachte – »Welcher Schuld verfallen

Ist meine Seele, daß sie, rückgebannt

In diesen Leib, zu ihrem Heimatland,

Das sie schon sah, nicht darf in Frieden wallen?

Glückselig, wer, wenn dieß Gewand zerstoben,

Der Erde wird enthoben!

Glückselig, wer, des Daseyns Fluch entrungen,

Den Mühen, Aengsten, all′ der Noth und Qual,

Den Thränen sonder Maß und sonder Zahl,

Zum Staube wiederkehrt, dem er entsprungen.

Was hab′ ich Jammernswürdiger verbrochen,

Das mit so harter Strafe wird gerochen?« –

 

4.

 

Und also sprach der Engel zu dem Todten:

»»Du hast den Herrn gescheucht von Deiner Schwelle,

Als er, ermüdet unter seiner Last,

An Deinem Hause wünschte kurze Rast,

Auf seinem Gange nach der Leidensstelle;

»Hinweg Verfluchter!« – riefst Du zorn′ger Weise,

Und Christus seufzte leise! –

Den Seufzer aber legte in die Schaale,

Als er die Thaten Deines Lebens wog,

Der Richter, und, gleich einem Felsen, zog

Die Wage plötzlich sein Gewicht zu Thale.

Nach seiner Milde hat Dich Gott gerichtet,

Du bist verurtheilt, doch nicht ganz vernichtet!«« –

 

5.

 

»»– Dein Leben ist im Grabe nicht geendet!

Du sollst in Sehnen und in Bangniß weilen,

Bis Du gebüßt Dein frevelhaftes Thun!

Wohl wirst Du schlafen, doch Du wirst nicht ruhn!

Es wird die Zeit an Dir vorüber eilen,

Es wird das Sausen ihrer mächt′gen Schwingen

Zu Deinem Ohre dringen;

Die Welt wird, wie die bunte Haut der Schlange,

Die Hülle wechseln, Ansehn und Gestalt;

Sie, die Du jung gesehn, Du siehst sie alt,

Und wieder jung, in unruhvollem Drange.

Geschlechter werden kommen und vergehen,

Du wirst sie schau′n, und was durch sie geschehen! –««

 

6.

 

»»– Und harren wirst Du Aermster Deiner Stunde,

Und sie wird zögern! Einsam wirst Du schweifen,

Vergeblich hoffend wandeln Deinen Gang,

Dachlos und herberglos! – Die Welt entlang

Wirst Du, ein sehnsuchtsmüder Pilgrim, streifen,

Ein Zeuge lebenrollender Aeonen;

An Hütten und an Thronen

Wirst Du vorüberziehn, und Thaten schauen,

So voll von Greuel, Schrecken, Thränen, Blut,

So voll von Haß, von Mord, Verfolgung, Wuth,

Daß vor dem Menschenantlitz Dich ein Grauen

Erfassen wird, und wilde Thiere milder

Dich dünken als des Höchsten Ebenbilder. –««

 

7.

 

»»– Und Liebe wird in dieser Wildniß weinen,

Wie eine Nachtigall, vom Lenz vergessen,

Im rauhen Winter, einsam, bis sie stirbt.

Der Segen, kaum der Knosp′ entgrünt, verdirbt,

Und Elend wird den weiten Erdraum messen.

Die Tugend, einzeln, wie in Erntetagen

Verschonte Aehren ragen,

Wird bald der Winde rauher Athem knicken,

Indeß das Laster grünet in der Welt;

Wie Disteln wuchern im gedüngten Feld,

Und edle Saat im Keime schon ersticken!

Nichts reift was gut, wir sehn′s am Boden liegen,

Und schlechte Frucht tief alle Aeste biegen. –««

 

8.

 

»»– Durch diesen wüsten Raum sollst Du nun irren,

So lange, bis die weiße Friedenstaube

Der Arche fliegt durch das entwölkte Blau

Des klargewordnen Aethers, mild und lau,

Den Oelzweig bringend von der Segenslaube!

So lange, bis Dich milde Lüfte fächeln,

Bis Dich wie Kindeslächeln

Der frohen Welt beglückte Tage grüßen,

Von Land und Meer der Freude Jauchzen tönt,

Die Wuth gebunden, und der Haß versöhnt,

In neuer Liebe sich die Völker küssen! –

Dieß ist Dein Spruch! – So wandle denn auf Erden,

Bis Glück und Friede Dir begegnen werden! –««

 

9.

 

Der Engel sprach′s und schwand im Wetterleuchten

Des regen Sturmes! Plötzlich, an der Stelle,

Wo er gestanden, öffnet sich der Grund;

Tief in des Grabes schauderhaften Schlund

Verbreiten Blitze ungewohnte Helle! –

Und niedersteigt der Todte zu der Klause,

Dem letzten festen Hause

Im Schooß der Erde! – Dort in ihren Räumen

Lag er wie schlafend; dennoch war′s kein Schlaf;

Die Weltgeschick′, und was die Menschen traf,

Er sah′s geschehn in furchtbar wachen Träumen. –

Die Sehnsucht war sein Schmerz! Schmerz, den zu kennen

Kein Menschenherz vermag, kein Mund kaum nennen.



(* 28.02.1790, † 16.03.1862)




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