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Die Abassiden


1.

 

Unterm Schatten alter Linden

Saß vor seines Hauses Gitter

Abufar, der Abasside,

Still in sich gekehrt und sinnend.

Eben ging vor seinen Blicken,

Purpurn, in des Meeres Tiefen

Allgemach die Sonne nieder,

Während, wie durch Laub der Wipfel,

Leisen Hauchs, die Abendwinde

Durch des Greises Locken spielten,

Und er weinte, weinte heiße Zähren;

 

Weinte recht von Herzen bitter,

Als auf seine Söhn' er blickte,

Und gedacht in seinem Sinne:

Heute seh ich meine Kinder

Wohl zum letztenmal! denn nimmer

Wag ich länger, zu verschieben,

Was des Schicksals harter Wille

Mir gebietet zu vollziehen,

Daß es nicht in seinem Grimme,

Strafend, mich, den Schuldigen ereile.

 

Und der Greis mit matter Stimme

Rief die Söhne zu dem Sitze

Und begann: – Ein hart Geschicke

Hielt ich lang vor Euch verschwiegen;

Seinen Rathschluß zu vollbringen,

Konnt' ich nimmer mich entschließen.

Doch nun hat mich tief im Innern

Unnennbare Angst getrieben,

Zu gehorchen seinem Winke;

Ob mir möge so gelingen,

Euch vor grauser Zukunft zu bewahren.

 

Ja! wenn aus des Meeres Spiegel

Morgen steigt die Sonne nieder,

Werd' ich Einmal noch und nimmer

Meine Vaterarme schlingen

Um den theuern Hals der Kinder! – –

Rüstet Euch, von hier zu ziehen! –

Wo sich roth der Morgen lichtet,

Saffah, wende deine Schritte;

Und Du, theurer Kaidar, fliehe

Hin gen Abend! Seht die Zinnen

Nie des Vaterhauses wieder;

Waget niemals Euch zu finden

Au demselben Orte. – Das beschwöret!

 

Denn, o meine Sohne, wisset:

Ein Orakel, unheilbringend,

Ward dem Haus der Abassiden,

»Brüder, die dem Stamm entsprießen,

Wenn sie Männerbärte zieren,

Müssen, immerdar geschieden,

Fern sich bleiben; denn, wo irgend

Zween beisammen: hingerissen

Von verhängnißvollem Grimme,

Würden kämpfend sie, in wildem

Morde, Bruderblut vergießen.« –

Darum, nach der Väter Sitte,

Bann' ich Euch aus den Gefilden

Eurer Heimath fort auf ew'ge Tage!

 

So der Vater. – Oft erstickten

Thränen die bewegte Stimme;

Doch die Söhne sehn sie fließen

Ungerühret, und beginnen,

Seines Kummers lachend: Kindisch

Ist der Greis und spricht in Irren!

Klüger hätt' er sich erwiesen,

Wenn er uns zu theilen riefe

Seine Schätze, als von hinnen

Uns in fremdes Land zu schicken.

Lebte doch ein Alter nimmer,

Bis er wieder wird zum Kinde!

Also sprachen sie und ließen

Dort den greisen Vater sitzen. –

So ward Abufar zum Spott den Söhnen!

2.

 

In eines Thales stillem Frieden

Durch Felsenwände abgeschieden,

Sieht man, vom Blüthenbusch umgeben,

Ein schimmernd Dach sich freundlich heben.

 

Die mondeshellen Fenster glänzen

Hervor aus dunkeln Laubes Kränzen,

Und dicht, fast zu des Hauses Schwelle

Drängt sich ein Strom mit blauer Welle.

 

Rings von der trauten Nacht umflossen,

Ist stille Ruhe ausgegossen;

Nur auf dem Fluß ein lind Bewegen,

Als wär's von fernen Ruderschlägen.

 

Schon kommt dort auf den dunklen Wogen

Ein Nachen langsam hergezogen;

Es tönt aus ihm ein süßes Klingen,

Und schön Al Amin hört man singen:

 

»Du aller Rosen Rose,

Thu doch Dein Fenster auf!

Laß Deine Schleier wehen,

Kein Lauscher wird es sehen,

Kein Späher blicket hinauf!« –

 

»Die Erde liegt im Schlummer,

Kein Menschenauge wacht;

Die Thäler alle schweigen,

Der Mond nur tanzt den Reigen,

Und die goldenen Sterne der Nacht!«

 

»Es schwillt mein Herz voll Sehnen,

Mich zieht's vom Schiffesrand,

Möcht stürzen in die Schäume,

Möcht fliegen in die Räume,

Die über mir ausgespannt!« –

 

Und bald hört man das Fenster gehen,

Und auf dem Söller sieht man stehen,

Gehüllt in flatterndes Gewand,

Aglawi, die den Ton erkannt.

 

Ach, ihres Lieblings Schmeichelworte

Verlockten sie, zu diesem Orte

Zu kommen, Nachts, nun Alles schlief,

Und seine theure Stimme rief.

 

Doch auch dieß Glück soll ihr entschwinden,

Und Böses hat sie zu verkünden

Dem Jüngling, dem der Busen, voll

Von sel'ger Wonne, überschwoll.

 

Es hatt' der Aeltern Wille eben

Sie einem Andern hingegeben,

Beschlossen das verhaßte Band,

Wie auch ihr Herz ihm abgewandt.

3.

 

Die Nacht wird finster und die Nebel, dicht,

Umhüllen Mond und Sternenlicht;

Nur wilde Thier' und Räuber ziehn

Jetzt durch die düstre Oede hin.

 

Die Liebe fürchtet nicht Verrath!

Sie, die das Herz voll Sorgen hat,

Denkt nur der Trennung, die ihr droht,

Sie weiß von keiner andern Noth. –

 

Und von der Felswand dort zur rechten Hand

Schwingt ein Mann sich behend in dunklem Gewand,

Und von der Felswand linker Seit'

Ein andrer Mann herunter gleit't.

 

Und Keiner hat den Andern noch gesehn,

Obgleich denselben Weg sie gehn.

In weite Mäntel sind sie eingehüllt:

Der grimme Kaidar ist's und Saffah wild.

 

Sie nahn dem Hause, doch es wird das Paar

Sich in dem Dunkel nicht gewahr;

Sie ahnen nicht, daß gleicher Sinn

Sie locket zu Aglawi hin.

 

Und wie sie unterm Söller stehn,

Sie auf dem Fluß den Nachen sehn

Und hören, was die Jungfrau fragt,

Und hören, was Al Amin sagt:

 

»Morgen, wenn der Tag verglommen

Und die Nacht herunter thaut,

Wird mein treuer Diener kommen,

Dem ich längst mein Herz vertraut:

 

Wird Dir leis' ein Zeichen geben,

An das Fenster trete dann,

Auf der Leiter niederschweben

Läßt Dich unbemerkt der Mann.

 

Durch der Waldschlucht öde Stege

Führet Dich der Treue fort,

Wo ich mich auf Kundschaft lege;

Daß sich Niemand naht von dort.

 

Will den Weg uns Jemand schließen,

Treff' ihn da zuerst mein Schwert;

Ja, sein Herzblut müsse fließen,

Eh' er unsre Reise stört!« –

 

Und Saffah wild, in seinem Geist,

Und Kaidar schon sich glücklich preist.

Und Jeder denkt geheim für sich:

Aglawi's Flucht verhindre ich! –

 

Wohl will den Weg ich ihr verschließen,

Doch erst Al Amins Blut vergießen!

Fürwahr, bei des Propheten Haupt!

Aglawi wird für mich geraubt! –

4.

 

Und wieder ist der lichte Tag verscheuchet,

Die feuchte Nacht beginnt herabzuthaun;

So weit der Blick auch in die Ferne reichet,

Es ist kein Stern am Himmelsplan zu schaun.

'S ist eine Nacht, wo mit geheimem Graun

Selbst das Gewild nicht aus den Höhlen schleichet,

Und Geister nur sich aus den Gräbern heben

Und stöhnend durch die öden Lüfte schweben.

 

Und stumm ist alles, was die Wildniß hegt,

Man würde fern den Zug des Athems hören!

Nichts lebt umher, kein Laub ist aufgeregt,

Nichts, das die tiefe Stille könnte stören.

Nur auf dem Fels, dort unter jenen Föhren,

Scheint etwas Graues her, das sich bewegt;

Es rauscht, – der Wald erschallt von Fußestritten,

Und näher her kommt die Gestalt geschritten.

 

Es ist ein Mann! – und wie er durch die Schlucht

Sich naht, kommt ihm ein Abassid entgegen:

Saffah, der wilde, der Al Amin sucht,

Mit Pfeil und Bogen, so wie Schützen pflegen.

Ihn sieht der Andre wohl sich herbewegen,

Doch sinnt fürwahr er nicht auf feige Flucht;

Auch er hält schon den Bogen in den Händen,

Den Todespfeil dem Gegner zuzusenden.

 

Und in der Luft beginnt es zu gewittern,

Die Donner rollen und die düstre Stell'

Erbebt und wankt – die Felsenhäupter zittern,

Oft wird die Schlucht von Blitzesleuchten hell;

Doch Jene spannen ihre Waffe schnell,

Ob auch um sie die alten Stämme splittern, –

Es leuchtet, – blitzt – die sichern Pfeile fliegen –

Und blutend, todt – die beiden Schützen liegen.

5.

 

Seht, es liegen Männer dort erschlagen

In der Waldschlucht unwirthbarem Grunde! –

Von den Todten, mit gesenkten Bäuchen,

Voll gesättigt, kehren heim die Hunde,

Und die Adler heben von den Leichen

Sich empor mit trägem, schwerem Fluge,

Blutgefärbt die Schnäbel und die Klauen!

 

Und wer sind sie, die, zum Fraß den Hunden,

Unbeerdigt liegen in den Klüften?

Unglücksel'ge, denen aus den Lüften,

Gierig ihres Fleisches zu verschlingen,

Niederrauschet hungrig Raubgevögel?

Decket sonst doch jeden Todten Erde,

Warum liegen diese, frei den Winden? –

 

Brüder sind es! – Beide Abassiden,

Die sich selbst im Wechselmord erschlagen.

Fluch der Hand, die an die Leichen rühret,

Sie in ihrer Ahnen Gruft zu tragen;

Thiere sollen ihre Wunden lecken,

Keine Erde soll die Söhne decken,

Die den alten Vater einst gehöhnet!



(* 28.02.1790, † 16.03.1862)




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