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Der unbekannte Ritter


1.

 

Zwar hält die Fluth geschieden

Frankreich von Engelland;

Ein Meer ist zwischen beiden,

Sie trennend, ausgespannt;

Doch drohen sich die Blicke

Selbst über's weite Meer,

Und oft schwamm nach der Küste

Manch waffenstolzes Heer.

Viel Kampf ward dort gestritten

Am Ufersand; mit Macht,

Von Franken und von Britten,

Geschlagen manche Schlacht.

Wär' all' das Blut beisammen,

Das dort geflossen ist,

Ein zweites Meer entstanden

Wär' schon zu dieser Frist;

Und wären die Knochen getragen

Auf eine einz'ge Stätt',

Von allen, die dort erschlagen,

Einen Berg es geben hätt'! –

 

2.

 

Einst zog Carol, der König

Von Frankreich in den Streit:

Bertrand Guesclin, der tapfre,

Der Heeresmacht gebeut;

Die Britten, schön gewappnet,

Dem Heer entgegen stehn:

Die Rosse wiehern lustig,

Die stolzen Fahnen wehn;

Da sieht man Lanzen splittern,

Zerkrachen manches Schwert,

Zerspalten Helm' und Schilde,

Hinstürzen manches Pferd.

Viel tapfre Franken liegen

Entseelt im blut'gen Sand,

Umsonst! – Die Britten siegen,

Es hilft kein Widerstand.

Doch seht! ein einz'ger Ritter

Schafft wieder Bahn und Licht;

Wer ist der Mann, wer kennt ihn,

Der so verwegen ficht?

Bei Sankt Denis! es weichet

Dort, wo er steht, der Feind;

Der Tag wird noch gewonnen,

Der schon verloren scheint.

Wer ist der muthige Krieger?

Ist Keinem er bekannt?

Die schlechte Rüstung kündet

Nicht hohen Rang und Stand,

Es faßt die Oriflamme

Der löwenkühne Mann,

Und trägt sie, hochgeschwungen,

Den Schaaren weit voran!

Dort bricht er ein! – nach dringen

Die Tapfersten im Heer,

Man kennt aus Blut und Staube

Nicht Frank' und Britten mehr! –

 

3.

 

Zu leichter Stadt gereihet,

Erheben auf dem Plan

Sich, schimmernd, Frankreichs Zelte,

Die Arbeit ist gethan.

Die Feinde sind vertrieben,

Verbunden ist, wer wund;

Doch unbekannt geblieben

Ist noch zu dieser Stund'

Der Tapfre, der erfochten

So ruhmgekrönten Tag,

An den in späten Jahren

Frankreich noch denken mag.

 

4.

 

Seht auf des Zeltes Kuppel

Ihr jene Fahnen wehn,

Wo in dem weißen Felde

Drei goldne Lilien stehn?

Das ist das Zelt des Königs:

Die Heeresfürsten all',

Sie stehn um ihn versammelt,

Viel Helden allzumal.

Und mitten unter ihnen

Steht jener Rittersmann:

Und auf des Königs Fragen

Zur Antwort er begann:

»Erlaß, o hoher König,

Mir gnädig den Bescheid;

Ein Nam' entscheidet wenig,

Ein Degen viel im Streit;

Und hab' ich brav gefochten,

So fordr' ich deß zum Lohn:

O, König, hohe Herren!

Hört auf und schweigt davon! –«

 

5.

 

Und wie sie also sprechen

Im hohen Königszelt,

Graf Alençon verneigend

Sich vor den König stellt:

»Verlangt es Dich, zu wissen,

Wer hier der Edle sey,

Steh' ich, ihn zu enthüllen,

Mit einer List Dir bei.

Geheim ließ ich durchsuchen

Ihm sein Gepäck, da fand

Mein Knappe diesen Becher

Hier unter andrem Tand.

Ein Wappen ist gegraben

In's helle Gold; laß sehn,

Vielleicht wird hier wohl einer

Zu deuten es verstehn! –«

»Ihr seyd ja viel gereiset,

Herr Herzog von Nemours,

Nun, alter Herr, beschauet,

Vielleicht gibt's eine Spur!«

So spricht Carol und reichet

Den Becher lächelnd hin;

Der Herzog, lange forschend,

Hält und betrachtet ihn.

Dann spricht er: »Eine Wette

Setz' ich, ich hab' entdeckt

Den Mann, der in der schlechten

Rüstung sich hat versteckt.

Zu Oestreich unterm Walde

Sieht in die weiten Gaun

Man von der Berge Spitzen

Viel alte Burgen schau'n;

Doch eine steht, die höchste:

Dort sah, gehau'n in Stein,

Ich überm Thor dieß Wappen;

Kein andres kann es seyn.

Wohl manch ein Held und Sänger

Zog aus des Schlosses Thor,

Dieß Wappen auf dem Schilde,

Zu Sang und Streit hervor;

Gepriesen in allen Landen

Ist jener Heldenreihn;

Der Tapfre, der hier stehet,

Es ist ein – Liechtenstein!« –

Da bog der Held die Kniee

Und sprach: »Ich läugn' es nicht,

Dieß Wappen ist das meine,

Es ist so, wie er spricht.«

Drauf schloß in seine Arme

Der König den Rittersmann,

Und lauter Jubel, jauchzend,

Im Frankenheer begann.

Auf ihre Schultern heben

Die Ritter freudig ihn,

Und tragen ihn, ob er's wehret,

Durch's ganze Lager hin! –

 

6.

 

Zu Oestreich unterm Walde

Blickt noch die Burg hervor;

Auch jetzt ziehn wackre Helden

Zum Kampf aus ihrem Thor.

Und weil es stets wie Säulen

Gestanden im Gefecht,

War lange schon gefürstet

Das rühmliche Geschlecht. –

Drei Liechtensteine lebten,

Und leben noch zur Zeit,

Die nennt der Ruhm der Helden

Durch alle Heere weit:

Johannes heißt der eine –

Hut ab! wird er genannt!

Seit Männer Schwerter tragen,

Hielt keiner besser Stand.

Oft wohl hab' ich gesehen

Im Kugelregen dicht

Den Heldenfürsten stehen,

Und wo er stand, ward's licht! –

Fürst Aloys heißt sein Sippe:

Der hat aus jeder Schlacht

Sich eine neue Wunde

Und neuen Ruhm gebracht.

Als noch sein Bruder lebte,

Sah man sie stets zu zwei'n

Vorschreiten vor dem Heere,

Wie zween mordgier'ge Leun;

Doch der ist jüngst geschieden

Zum stillen Land hinab,

Ihm kühlt die edle Stirne

Ein Lorbeer – und das Grab.



(* 28.02.1790, † 16.03.1862)




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