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Der Thurm am See


Es saß ein edler König

Am hohen Uferrand,

Stets waren sein Blicke

Hinaus in's Meer gewandt.

 

Er saß beim Morgenschimmer,

Sah in die Fluth hinein,

Er saß beim Sternenschein,

Sein Aug' in Thränen immer.

 

Viel Schiffe kamen, gingen,

Ein jedes weilt' im Port,

Und immer blickt' der König

In's Meer vom selben Ort.

 

Schwarz waren seine Locken,

Als er sich hingesetzt,

Und silberweiße Flocken

Deckten die Scheitel jetzt.

 

Er hatte große Schätze,

Kleinode ohne Zahl;

Doch konnt' ihn nichts ergötzen,

Er sah sie nicht einmal.

 

Und ob auch alles eigen

Ihm und zu Willen war,

Es boten Land und Krone

Ihm keine Freuden dar.

 

Sein Leid war seine Liebe;

Es hatte ihre Treu'

Die Buhle ihm gebrochen;

Schnell schwoll sein Gram auf's neu. – –

 

Das Siechthum kann genesen,

Kraut gibt's für jeden Schmerz;

Das Einz'ge, das nie heilet,

Ist – ein gebrochnes Herz!

 

Die Zeit wischt von der Tafel

Der Seele Alles ab;

Ein Wort nur bleibt geschrieben,

Erinnernd, bis an's Grab.

 

Jedwedes Bild verschwindet,

Jedwedes Leid vergeht;

Nur Gram verrathner Liebe,

Wie ew'ges Erz, besteht. – –

 

Nun steht ein Thurm erbauet,

Wo einst der König saß:

Die Lüft' umwehn ihn schaurig,

Die Sterne leuchten blaß.

 

Ein klagendes Gewimmer

Tönt noch am selben Ort,

Als säß' auch jetzt er dort

Und jammerte noch immer! –



(* 28.02.1790, † 16.03.1862)




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