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Das Natternhemd - II.


Es klingt die Stimme aus tiefem Zwinger:

"Eia popeia, schlaf süß, mein Kind,

Eia popeia, es rief eine Eule,

Dein Vater weiß wohl, wo wir sind;

Suse la suse, ihr Kindelein schlafet,

Fest ist das Gitter, hart ist der Stein,

Suse la suse, wo sind geblieben

Die sieben Natternhemdelein?"

 

Es steht eine Weide am tiefen Borne,

Ihr silbernes Laub beweget der Wind,

In ihrem hohlen Leibe verborgen

Acht weiße Natternhemdchen sind;

Ein großes und sieben klimperkleine,

In jedem Jahr eins der Baum empfing,

Wenn in dem weißen Hause am Berge,

Wieder einmal die Wiege ging.

 

"O Weide, Weide, vieledle Zierde,

O Weide, Weide, ich bitte dich sehr,

Ich bitte dich auf meinen Knieen,

In meinem Herzeleid komme ich her;

Du sollst auch essen, was wir haben,

Und trinken sollst du, so gut wie wir,

O Weide, Weide, vieledle Zierde,

Gib sieben Natternhemdchen mir!"

 

Acht Pfeile kommen angeflogen,

Die geben alle hellichten Schein,

Um jedes Spitze ist gewunden

Ein blankes Natternhemdelein.

"Eia popeia, Ihr Kindelein kommet,

Suse la suse, und machet euch fein,

Es schrie eine Eule vor dem Gitter

Und brachte uns unsere Hemdelein."

 

Jürgen der Jäger weint blutige Tränen,

Acht blanke Nattern entschlüpfen dem Grund,

Er küßt eine jegliche sieben male,

Doch sieben mal sieben der einen Mund;

Acht Nattern rauschen über die Straße,

Wer weiß, wohin? Wo der Nachtwind weht;

Wo Jürgen der Jäger ging über die Haide,

Das Blut im grauen Moose steht.

 

Jürgen der Jäger geht über die Haide,

Zwischen Mond und Sonne geht er hin,

Seine Augen träumen in die Ferne,

Nach seinem Traume steht sein Sinn;

Dem Traum, wie ein Schatten in der Sonne,

Dem Traum, wie ein Eiland im Nebel fern,

Ein rotes Licht im schwarzen Moore,

Am düsteren Himmel ein blutiger Stern.

 

Er geht über Sümpfe, schwarz wie die Sünde,

Und über Moore, fahl wie der Tod,

Und über weite, breite Haiden,

Still wie die Nacht, wie Blut so rot;

Er tritt in eine greise Ödnis

Und bleibt tief atemholend steh′n,

Er ist in seinem fernen Traume,

In dem er sich die Nacht geseh′n.

 

Da ist ein Himmel, schwarz und schrecklich,

Rote Raben fliegen darunter her,

Da ist ein Wasser, tief und schlammig,

Das fließt so träge und so schwer,

Da ist ein schwarzes Zaubereiland

Mit einem Schloß, wie Gift so grün,

Da ist ein dumpfer, dunkler Garten,

In dem viel bleiche Blumen blüh′n.

 

Durch sieben Höfe geht Jürgen der Jäger,

Durch den weißen und gelben und blauen hin,

Hört nicht die Raben, sieht nicht die Schlangen,

Nach seinem Traume steht sein Sinn;

Geht durch den roten Hof und den grünen

Und durch den Hof, wie Haidmoos grau,

Mit den großen grauen Totenblumen,

Gefüllt mit grauem Todestau.

 

Es schreien und kreischen die roten Raben,

Die giftigen Schlangen werden laut,

Ihn kümmert kein Kreischen und kein Zischen,

Seinen schwarzen schweren Traum er schaut;

Die hohe Halle, tot und schweigend

Wie eine schwarze Winternacht,

Und dennoch laut von leisen Stimmen,

Und dennoch hell von dunkeler Pracht.

 

Es sitzt auf ihrem gold′nen Throne

Die böse Otternkönigin,

Es winden sich um ihre Füße

Acht blanke weiße Nattern hin,

Acht schöne schlanke weiße Nattern,

Die eine groß, die andern klein,

Die Natternmutter und sieben kleine

Feine Natternkindelein.

 

Es schreien und kreischen die roten Raben

Unter dem schwarzen Himmel hin,

In bösem Brande glimmern und flimmern

Die Augen der Otternkönigin;

Sie zischt ihm hellen Hohn entgegen,

Heischt gierig Lohn und Lösegeld:

"Dein rotes Herz mußt du mir lassen,

Du hast ja sonst nichts auf der Welt!

 

"Das Herz, das Herz, das rote Herze,

Das heiße Herz aus deiner Brust,

Ein Otternherz kennt keine Wonne,

Ein Menschenherz ist voller Lust!"

Die Raben hören auf zu rufen,

Die giftigen Schlangen zischen nicht mehr,

Jürgen der Jäger geht über die Haide,

Die große Otter lacht hinter ihm her.

 

Auf Jürgen des Jägers weißem Hause

Da schreit die Eule jedwede Nacht,

In Jürgen des Jägers buntem Garten

Keine frohe Stimme singt und lacht;

Die Kinder spielen scheu und heimlich

Das Spiel von dem verlornen Herz;

In Jürgen des Jägers weißem Hause

Da weht die Luft nur Leid und Schmerz.

 

Jung Ebert faltet seine Brauen,

Langt von der Wand des Vaters Wehr;

Die Nacht ist ihm ein Traum erschienen,

Ein Traum so schön und groß und schwer;

Jung Ebert schreitet über die Haide,

Zwischen Mond und Sonne geht er hin,

Seine Augen gehen grade Wege,

Ein schwarzer Traum liegt ihm im Sinn.

 

Er geht durch Moore, schwarz wie die Sünde

Und geht durch die Brüche, fahl wie der Tod,

Und durch die weiten breiten Haiden,

Still wie die Nacht, wie Blut so rot;

Und findet zu dem toten Bache

Und nach dem Schloß, wie Gift so grün,

Und durch den dumpfen dunklen Garten,

In dem die blassen Blumen blüh′n.

 

Er geht durch die sieben bunten Höfe

Und tritt in die schwarze Halle ein,

Die Augen der Otternkönigin sprühen

Entgegen ihm mit rotem Schein;

Jung Eberts Augen fröhlich lachen,

Sie lachen, wie bei Spiel und Scherz,

Im Leibe der Otternkönigin leuchtet

Warm und rot das verlorene Herz.

 

"Das Herz, das Herz, das rote Herze,

Das heiße Herz aus deiner Brust,

Ich will dir geben, was ich habe,

Aber das Herz du lassen mußt!"

"Willst du das Herz, das rote Herze,

Was gibst du Lohn und Lösegeld?"

"Dein junges Herz mußt du mir geben,

Du hast ja sonst nichts auf der Welt!"

 

Jung Ebert lacht ihr in die Augen:

"Mein junges Herz bleibt immer mein,

Mein rotes Herz hört Vater und Mutter,

Und nie soll es dein eigen sein!"

Es kreischen und schreien die roten Raben,

Eine blanke Klinge blitzt und blinkt,

Auf der Otternkönigin Scheitel klirrend

Der rote Karfunkelstein zerspringt.

 

Jung Ebert schreitet über die Haide,

Zwischen Mond und Sonne geht er hin,

Seine Augen gehen gradenweges

Zu dem weißen Hause am Berge hin;

Er singt eine alte Jägerweise

Über das rote Haideland,

Das rote Schwert trägt seine Rechte,

Das rote Herz seine linke Hand.

 

Vor Jürgen des Jägers weißem Hause

Schreit keine Nacht die Eule mehr,

In Jürgen des Jägers weißem Hause

Ist keine Brust mehr tot und leer;

Es singen viele helle Stimmen

Von früh dort bis zum späten Tag,

In Jürgen des Jägers weißem Hause,

Da klingt′s wie Nachtigallenschlag.



(* 29.08.1866, † 26.09.1914)




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