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Das Natternhemd - I.


Jürgen der Jäger ging über die Haide,

Zwischen Mond und Sonne ging er hin,

Seine Augen träumten in die Ferne,

Nach seinem Traume stand sein Sinn,

Dem Traum, wie ein Schatten über dem Wasser,

Dem Traum, wie ein Eiland im Nebel fern;

So ging er hin, den Mond zur Rechten

Und linker Hand den guten Stern.

 

Er ging vom Morgen bis zum Mittag

Durch grüne Marsch und gelbes Moor,

Und ging von Mittag bis zum Abend,

Und als die Sonne die Kraft verlor,

Trat er in eine hohe Haide

Und blieb tief atemholend steh′n;

Er war in seinem fernen Traume,

In dem er sich die Nacht geseh′n.

 

Da waren sieben schwarze Fuhren

Geordnet in einem engen Kreis,

Da waren sieben schwarze Machangeln,

Düster oben und unten greis,

Da waren sieben blanke Bäche,

Nach sieben Seiten sprangen sie schnell:

Und waren sieben große goldne

Blumen gestellt um den Siebenquell.

 

Jürgen dem Jäger flog der Atem

Und seine Brust ging tief und schwer,

Es ging ein Rauschen über die Haide

Und ein Lachen flog von ihr her,

Ein silbernes Kichern, ein goldenes Lachen,

Wie Rotkehlchenlied und Nachtigallsang;

Jürgen der Jäger duckte im Schatten,

Sein junges Herz in der Brust ihm sprang,

 

Da waren sieben große Schlangen,

Sieben Zauberschlangen, schön und schlank,

Schimmernd in sieben hellen Farben,

Sieben Farben blitz und blank,

Sie tranken vom Siebenquell das Wasser

Mit ihren roten Züngelein,

Und waren nicht mehr sieben Schlangen,

Sieben schöne Fräulein mußten es sein.

 

Jürgen der Jäger schlich wie der Fuchs schleicht,

Schnell wie der Habicht griff er hin,

Von den sieben blanken Natternhemdchen

Das silberweiße war sein Gewinn;

Und er rief das Wort, das rosenrote,

Das er gerufen die letzte Nacht,

Als er aus seinem bunten Traume

Mit heißen Lippen war erwacht.

 

Sieben Jungfernschreie gellten schneidend

In die Abendstille hinein,

Sieben rosige Fräulein haschten jammernd

Nach ihren Natternhemdelein,

Zweimal drei Nattern von dannen rauschten,

Sechs Zaubernattern schön und groß;

Die allerschönste, siebenmal schönste

Die schlug die Hände vor Brust und Schoß.

 

In Jürgen des Jägers weißem Hause

Singt eine Stimme den ganzen Tag,

In Jürgen des Jägers buntem Garten

Da klingt′s wie Nachtigallenschlag,

Und singt drei Monde und zweimal dreie,

Und als der neunte Mond zersprang,

In Jürgen des Jägers weißem Hause

Eine helle kleine Stimme erklang.

 

Und jedes Jahr eine neue Stimme,

Ein Kind mit Haaren gelb und hell,

Wie die sieben großen goldnen Blumen,

Die da blühen um den Siebenquell;

Sieben schöne Jahre, sieben schöne Kinder,

Es klingt, wie vieler Vöglein Schlag

In Jürgen des Jägers weißem Hause

Den ganzen lieben langen Tag.

 

Es rief eine Eule am hellen Mittag,

Es kam in das Land ein falsches Wort,

Es fiel ein Reif auf die Maienblüten,

Sie sind verwelket und verdorrt;

Ein bleicher Mann in schwarzer Kutte,

Ein Hexenbrenner, zog um im Land,

Flugfeuer war seines Mundes Rede,

Das steckte die stille Haide in Brand,

 

Es ging ein Flüstern von Hof zu Hofe

Und ging ein Raunen von Tor zu Tor,

An Jürgen des Jägers weißem Hause

Rankten sich giftige Blumen empor:

"Die Frau ist anders, als unsere Frauen,

Die Kinder sind schöner, als unsere sind,

Sie werden ohne Wehen geboren,

Giftsamen ist es, den hertrieb der Wind.

 

"Wenn die Blitze über die Haide fahren,

Steht sie am Tore und lacht und singt,

Und Helle heißt sie, das ist ein Name,

Der nach geheimen Künsten klingt."

Es flogen Blicke wie blanke Blitze,

Es fielen Worte voll Haß und Wut,

Es ballten Hände sich zu Fäusten,

Es roch die Luft nach Brand und Blut.

 

Jürgen der Jäger geht über die Haide

Mit Beute beladen und hinter ihm geht

Sein Sohn, stolz trägt er auf der Schulter

Des Vaters Waidewerksgerät;

Jürgen des Jägers Augen sind dunkel

Und fest geschlossen ist sein Mund,

Um die siebente Stunde heulte zum Himmel

Lange und bange sein treuer Hund.

 

Jürgen des Jägers Augen fliegen

Seinen schnellen Schritten voraus,

Sie suchen hinter dem Abendnebel

Am braunen Berge das weiße Haus;

Ein breiter Rauch steht an dem Himmel,

Eine schmale Flamme darunter weht;

Jürgen dem Jäger stockt der Atem,

Das Herz in der Brust ihm stille steht.

 

Was schleicht durch die Gassen und horcht an den Türen,

Was huscht auf dem Hofe und lauscht an der Wand,

Was ruschelt am Zaune und raschelt im Garten

Und rückt an dem Riegel mit heimlicher Hand?

Jürgen der Jäger ist auf der Pürsche,

Bittreres Waidewerk übte er nie,

Eine liebe Stimme hörte er weinen,

Eine liebe Seele nach ihm schrie.



(* 29.08.1866, † 26.09.1914)




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