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Morgen und Mittag


In erster Dämmrung aufgegangen

Sah ich an deinen zarten Wangen

Der Schönheit Morgenroth;

Und sank allmächtig hingerißen

Und zitternd schon zu deinen Füßen

Und ehrte dein Gebot.

 

Und ganz in deinen Blick verloren

Sah ich dich damals schon erkoren

Der Liebe Königin.

Und ehe du Verehrer fandest

Und eines Herzen Werth verstandest,

Gab ich mein Herz dir hin.

 

Jedweden Reiz sah ich entstehen

Und konnte nur dein Auge sehen,

Weil sehn noch sicher war;

Und dachte nicht die süße, frohe

Bescheidne, sanfte Minne drohe

Der halben Welt Gefahr.

 

Unwiderstehlich aber wütet

Der Schönheit Mittag nun, gebietet,

Und Sklaven beten an.

Wer darf um ihre Blicke werben?

Tod folget ihnen und Verderben,

Wenn man nicht hoffen kann.

 

So hebt sich, wenn die ersten Stralen

Der Sonn' in Gold den Osten malen,

Des Persers Frühgebet,

Der, wenn der Mittag ihren Wagen

In heißrer Glut heraufgetragen,

Erblasset, sinkt, vergeht.



(* 19.07.1744, † 03.03.1806)




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