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An den Abend


Der du dem hingesunknen Volke,

Das laut dir rufet, dich versteckst,

Und noch mit einer Azurwolke

Dich vor dem Blick des Tages deckst;

 

Komm, Hesperus, aetherisch milde,

Komm, Götterkind auf diese Höhn,

Komm auf die lechzenden Gefilde,

Die deinem Gruß entgegen sehn!

 

Matt liegen sie! des Landmanns rege

Tonvolle Freude hemmt ein Ach,

Die Blumen welken hin und träge

In dürren Ufern schleicht der Bach.

 

Ohnmächtig flüstert durch die Aeste

Ein Wind, von schwülen Düften schwer. -

Was zaudert ihr? Fliegt, fliegt, ihr Weste,

Und traget meinen Liebling her!

 

Triumph! Sie haben ihn gefunden!

O seht ihn! welch ein göttlich Bild!

Mit Ros' und Myrte rund umwunden

Und ganz in Wohlgeruch gehüllt.

 

Von Zephyretten hergetragen,

Die schon von seiner Wonne glühn,

Nachläßig, langsam schwimmt sein Wagen

Durch den zerrißnen Aether hin.

 

Im heitern drängenden Gewimmel,

Begleitet von der Scherze Chor,

Fliegt lächelnd durch die stillen Himmel

Die Freude seinem Wagen vor,

 

Und senkt, gegrüßt durch frohe Lieder,

Noch ehe sie sein Fuß betritt,

Sich segnend auf die Flur hernieder

Und singt in ihre Chöre mit.

 

O! welche Ambradüfte wallen

Von jedem Anger zu dir auf!

Herabgefleht, erseufzt von allen,

Beschleunige den trägen Lauf!

 

Antwortend klopfet dir in Schlägen

Des Mädchens und des Jünglings Brust

Dir eilet Mann und Greis entgegen,

Dir, Freund der Liebe, Freund der Lust!

 

Zu dir schwingt sich in Lobgesängen

Der Vögel lautes Volk empor.

Wie süßgemischte Töne drängen

Sich schmeichelnd in mein horchend Ohr!

 

Dir schlägt der Wachtel helle Kehle,

Die Lerche die sich früh erhob.

Die klangenvolle Philomele,

Die holde Amsel tönt dein Lob!

 

Welch ein Concert! Die kleine Grille

Mischt leisezirpend auch sich ein,

Und von dem fröhlichen Gebrülle

Des Viehes bebt der nahe Hayn.

 

Wer wird hier fühllos nicht empfinden?

Die ganze Flur wird ein Gesang;

Er tönt von Bergen, tönt von Gründen;

Der Nachhall wiederholt den Klang.

 

Und zornig dich zu sehn entrücket

Die Sonne deinem Auge sich;

Nur durch ein dünnes Wölkchen blicket

Sie schamroth einmal noch auf dich.

 

Wie schön, wie majestätisch schwebet

Ihr glühend Antlitz auf der Fluth!

O! welch ein goldner Schimmer bebet

In Purpurwolken! welche Glut!

 

Sie sinkt! sie sinkt! und läßt umwunden

Von dir die Erde, die vergißt

Daß sie des Tages Last empfunden

Und deinen milden Scepter küsst.

 

Um ihre Stirne frische Kränze

Und sanft geschlungen Hand in Hand,

Versuchen Hirten ihre Tänze

Und singen den, der sie verband.

 

Von deinem holden Einfluß trunken

Fühlt sich der Nymphen lose Schaar,

Und an des Freundes Brust gesunken,

Kränzt jene dort sein blondes Haar.

 

Sie lacht mit ihm und küsst ihn freyer,

Kein neidisch Auge darf sie scheun;

Dein grauer zartgewebter Schleyer

Hüllt sie in leichte Schatten ein.

 

Wie still wird izt die Luft! - Die Winde,

Wie lieblich sind sie und wie schwach!

Sanftlispelnd spielt das Laub der Linde,

Und sanfter lispelt Echo nach.

 

Durch Blumen rinnt die Silberquelle;

Es wäscht dem Ohr vernehmlich kaum

Mit klagendem Geräusch die Welle

Der schauervollen Grotte Saum.

 

Und immer dunkler wird die Hülle

Die deine Huld der Erde webt,

Und immer festlicher die Stille

Die alles nach und nach begräbt,

 

Bis daß gehört in Feld und Hütten

Kein Laut, kein Ton der Stimme wird,

Nur wo allein mit leisen Schritten

Noch heilige Betrachtung irrt.

 

Sie kömmt die Nacht, und alles lauschet,

Kein Stern erhellet ihr Gewand.

Ihr langsam schwerer Fittig rauschet,

Erquickt und schreckt das bange Land.

 

Der Gott des Schlafs fliegt ihr zur Seiten;

Die Phantasie, der Träume Flug,

Der Eulen banger Schwarm begleiten

Den ernsthaftfeyerlichen Zug.

 

Ein Mantel, der voll frischer Düfte

Sich stolz an ihrer Schulter bläht,

Fließt ausgewickelt durch die Lüfte

In stralenloser Majestät.

 

Und meiner müden Hand entsinket

Die Laute, die ich willig nahm,

Wenn vom Olympus hergewinket

Zu mir die jüngste Muse kam.



(* 19.07.1744, † 03.03.1806)




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