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Schicksal


I.

 

Zu Freudenfesten zogen sie hinaus.

Zum Täufling geht es in dem Grafenhaus,

Den die beglückte Tochter hat geboren;

Die andere hat ein Brite sich erkoren:

Ein jugendlicher Herzog reicht die Hand

Der deutschen Braut im fluthumrauschten Land.

Rasch trägt die See das frohe Elternpaar

Zur hohen Feier an den Traualtar;

Volksjubel grüßt und neben ihrem Sohne,

In ihren Locken die Brillantenkrone,

Der Kinder Wohl im tiefbewegten Sinn,

Steht Englands Königin, Indiens Kaiserin.

Und fernher aus des Schwabenlandes Garten

Ist eine frohe Botschaft zu erwarten,

Denn dort begrüßt der Frühlingssonne Blick

Vielleicht schon heut ein neues Mutterglück;

Wär's auch kein Erbe, dem der Krone Pracht

Von Weitem schon in seine Wiege lacht,

Wer schaute nicht mit menschlich reiner Wonne

Ein neu Geschöpf am heitern Licht der Sonne? –

Ein Kreis von Festen! Traufest in der Mitte,

Und an das erste schließt sich schön das dritte!

Drei Tage drauf –

Kaum reichte des Dampfrads schnellster Lauf –

Stehn sie an einem Grab. Im Abendschein

Senkt man die Mutter zu dem Kind hinein.

 

 

II.

 

Du schrittst zum Throne,

Dein wartete mit dem geliebten Gatten

In goldnen Baldachines Schatten

Die Krone.

Vermessen nicht giengst du dem Glanz entgegen;

Gut will ich sein, dem Land ein Segen,

Einfach und gut! gelobt die treue Brust. –

Und mitten in des Lenzes Hoffnungsluft

Erscheint das Schicksal, schreitet durch das Thor

Und hält dir eine Dornenkrone vor

Und spricht: gut willst du sein?

Schlag ein!

Erprob' es sogleich: stirb ergeben!

Verfallen ist dein junges Leben.

Sie nickt in Thränen, ihrer Theuren Schmerz,

Den eignen nicht, beklagt das brave Herz,

Sie nimmt vom Gatten, von dem holden Kind

Den schweren Abschied, schweigt und neigt gelind

Ihr sterbend Haupt. In sanftem Geisterglanz

Nun dornenlos, umleuchtet es der Kranz.

 

 

III.

 

Du weißt,

Was Mensch sein heißt,

Weißt, was ein Mensch erfahren kann,

Du schwergeprüfter Mann!

Du hast's gesehen in der weiten Welt,

Geseh'n im Schlachtsturm auf dem blut'gen Feld.

Man muß ihn kennen, all der Menschheit Schmerz;

Fest wird und mild ein richtig Mannesherz,

Das Mensch zu Mensch des Lebens Bild betrachtet.

Du hast es nie für einen Raub geachtet,

Nah an den Stufen eines Throns zu stehen,

Dein Aug blieb offen, rein und klar zu sehen,

Und wie du fühltest, ein erfreutes Land

Hat es an deiner Liebe Wahl erkannt.

Nun aber, nun – du sollst nicht blos gewahren,

Erfahren, in des Lebens Mark erfahren

Sollst du, was Mensch sein heißt!

Gebot der dunkle Weltengeist.

Herab vom Himmel des Glücks gewettert,

Zu Boden geschmettert,

Hin auf ein Grab gegossen,

In Thränen zerflossen,

Das Herz aus dem Leib gerissen,

Nicht fassen, nicht wissen,

Was nun soll werden –:

So kommt's auf Erden.

Nun kennst du ganz des Lebens dunklen Grund.

Du wirst erstehen aus dem finstern Schlund,

Denn du bist Mann, doch rein und ungeschwächt

Will heilig Weh sein heilig tiefes Recht.

Mitweint des Landes Herz und es empfindet

In dieser Schicksalswolke,

Wie tief das Unglück einen Fürsten bindet

Mit feigem Volke.

Wir seh'n ein Bild,

Ein Wesen mild

Aus einem Grabe schweben,

Dir das Geleit zu geben,

Und wird dir die gefährliche Gewalt,

So segnet dich die himmlische Gestalt.



(* 30.06.1807, † 14.09.1887)




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