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Rom 1872


Abend war's, vom Capitole

Stieg ich nach dem Forum nieder.

Eines Jägerhornes lust'ge,

Stürmisch rasche Marschesweise

Hört' ich; zu den muntern Klängen

Sah ich durch den Titusbogen

Einen Zug Bersaglieri

Im Geschwindschritt sich bewegen,

Aus den breiten Schützenhüten

Flatterten die Hahnenfedern.

 

Traumhaft wurde mir zu Muthe;

Von des altersgrauen, stolzen

Baues mächtigem Gesimse

Schien ein lorbeerkranzgeschmücktes

Geisterhaupt herabzublicken;

Gleich als hätten es die Töne

Einer Tuba wach gerufen,

Schien es diesen jungen braunen

Kriegern mit der unbekannten

Feuerwaffe auf den Schultern

Seltsam staunend nachzuschauen.

 

Weiter ging der Marsch, vorüber

An des Palatinos Höhen.

Und dort oben in den Trümmern

Ward es schattenhaft lebendig,

Stieg ein graues Dunstgewebe,

Das begann sich zu verdichten,

Mit geheimnißvollem Gähren

Sich zu scheiden und zu sammeln,

Sich zu formen, bis mit einmal

Wunderbare Menschenbilder

Aus dem Flore sich enthüllten.

 

Stolze Stirnen wurden sichtbar,

Drüber goldne Diademe,

Von der Toga Pracht umfloss'ne

Majestätische Gestalten.

Und sie rührten sich und schwebten

Zu dem lichtern Vordergrunde

Oeffneten, sich schwer besinnend,

Schlafbedeckte dunkle Augen,

Blickten fragend nach dem fremden

Schauspiel an des Hügels Fuße.

 

Knaben hatten sich indessen

An die Schützen angeschlossen,

Liefen hintennach im Takte,

Bursche, Mädchen, Männer, Frauen

Blieben auf dem Wege stehen,

Und mit Eins aus vollen Kehlen

Stieg der Ausruf in die Lüfte:

Viva il regno d'Italia, viva

La risorta patria, viva

Nostro re galamuomo,

Re Vittor' Emanuele!

 

Mit gehobnen Brauen horchten

Vorgebeugt die Geisterwesen,

Ihre Stirnen, ihre Mienen

Wurden helle und sie winkten

Eins dem andern, ein bewegtes

Flüstern gieng durch ihre Reihen.

Flog wohl eine dunkle Ahnung,

Gieng wohl eine dunkle Kunde

Unter ihnen von dem Tage,

Wo im Fenerschlünde-Donner

Durch den Riß der Porta Pia

Einzog in die alte Hauptstadt,

Wo sich selbst und ihres Lebens

Mittelpunkt, ihr Herz im Busen

Nach der Zeiten langer Oede

Wiederfand Italia?

 

Doch ein breiter Schatten legt sich

Auf das Forum, auf den Hügel,

Auf des Kolosseums Massen.

Kalter Windhauch weht vom Tiber.

Schwer Gewölk ist aufgestiegen.

Drüben, wo Sankt Peters Kuppel

Ragt, da hebt sich's hoch und höher.

Und in Dunkel bang und bänger

Rückt's heran. Es zuckt, es leuchtet. –

Eine dreigekrönte spitze

Priestermitra seh' ich glänzen,

Flimmern aus dem finstern Qualme. –

Dumpfer Donner rollt herüber,

Schwere Regentropfen fallen,

Aber siehe, das Gewitter

Stockt nach wenigem Geräusche,

Es verweht sich, es versauset,

Noch ein Knall, und es verstummet

Und die Sonne sieget wieder. –

Die Gestalten auf der Höhe

Sehn einander an und lächeln,

Raunen wohl von Augurn etwas,

Welche schon zu ihren Zeiten

Nur noch Kindern bange machten.

Doch in den erfrischten Lüften,

In des Lichts erneuter Klarheit

Schwinden ihre Geisterglieder,

Schwimmen langsam mit dem Nebel,

Der dem Grünen nun entsteiget,

Aufgelöst in eins zusammen.

 

Fest gezeichnet, scharf umrissen,

Sicher des bestimmten Daseins

Steht die freie Tagwelt wieder

In des Südens herrlich goldner

Abendsonne. Dann entflammt sich

Aus dem Gold ein feierlicher

Hocherglühter Purpurmantel,

Legt sich wallend auf die Eb'ne,

Auf die Nähe, auf die Ferne,

Der Sabiner, der Albaner

Berge, Roma's alte Wiege.

Fernher tönet noch das Jauchzen,

Das Eh viva, Italia viva,

Fernher schmettern noch die Klänge

Der entschlossen Marschesweise

In die abendlichen Lüfte.



(* 30.06.1807, † 14.09.1887)




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