Nach oben

Große Glufen-Ballade


oder: Die magnetische Nadel.

 

I.

 

In . . . . im grünen Alpenthal

Auf der Post ist die Kost vorzüglich;

An der Tafelrunde saßen einmal

Drei Offizere vergnüglich.

 

Forellen setzte man auf den Tisch.

Der Major, der nicht viel lobte,

Sprach schmatzend: wirklich ein feiner Fisch!

Als er den Bissen erprobte.

 

Duftend erschien jetzt auf dem Plan

Ein Vogel, ein saftiger Braten,

Der Hauptmann kostet den welschen Hahn

Und schmunzelt: köstlich gerathen!

 

Ein zartes Gemüse fehlte nicht,

Eine Schüssel voll junge Bohnen,

Sie waren des Leutnants Leibgericht,

Er dachte sie nicht zu schonen.

 

Doch der Leutnant bleich wie ein Schemen saß,

Der hat kein Wort gesprochen:

Eine Nadel hat er, sobald er aß,

In das Zahnfleisch sich gestochen.

 

II.

 

Er fährt empor und zur Thür hinaus

Zum Erstaunen der Tafelrunde

Und zieht und zerrt mit Schmerzen und Graus

Die Nadel sich aus dem Munde.

 

Er stürzt in die Küche, er blickt umher,

Die Thäterin zu erspähen,

Und sieht einen Kochreferendär

Bei dem Gesinde stehen.

 

Es ist eine Jungfrau seiner Art

Aus einer guten Familie,

Von Antlitz lieblich, von Gliedern zart

Und schlank wie eine Lilie.

 

Sie trägt eine Schürze mit Schulterband,

Schneeweiß ohne Flecken und Tadel

Und festgehalten am einen Rand

Mit einer glänzenden Nadel.

 

Die Nadel, die er beinah verschluckt,

Und diese, sie sind die gleichen,

Auch erscheint, wie er weiter späht und guckt,

Ein zweites schlagendes Zeichen.

 

Das andere Tragband hängt nur los

Um die Achsel, die rundlich feine –

Es ist aus! Die Schuld, so riesengroß,

Sie ist bewiesen wie keine.

 

Das Mägdlein wird inne und sieht von Blut

An des Leutnants Lippen ein Tröpfchen,

Da ergießt sich lodernde Purpurgluth

Ueber ihr holdes Köpfchen.

 

Er wollte wettern, er wollte schrein,

Wollte fluchen wie ein Heide,

Da sieht er das bebende Mägdelein,

Das arme, da that es ihm leide.

 

Er besinnt sich, die Nadel in seiner Hand

Erhebt er, sich artig verneigend,

Durch das linke, das lose Schulterband

Drückt er sie sanft und schweigend.

 

Doch drang ihr ein wenig in die Haut

Die blutbegierige Spitze,

Ihr entfuhr ein grillender Schmerzenslaut

Als sie fühlte die scharfe Ritze.

 

Der Laut, der flog wie ein Flintenschuß

In das Leutnant-Herz, in das warme,

Da gab er ihr einen herzlichen Kuß

Und schloß sie in seine Arme.

 

Dann eilte er in den Saal zurück,

Aß Gemüs und Kuchen und Törtchen,

Als ob er träumte, so war sein Blick

Und wieder sprach er kein Wörtchen.

 

III.

 

In . . . . im grünen Alpenthal

Auf der Post ist die Kost vorzüglich,

An der Tafelrunde, da saß einmal

Ein bräutliches Paar vergnüglich.

 

Ein Hauptmann war es mit seiner Frau,

War fernd noch Leutnant gewesen,

Man konnt' es ihm in der Augen Blau,

Wie lieb er sie hatte, lesen.

 

Der vorige Hauptmann war dabei,

War jetzo Major geworden,

Der Major nicht fehlte zur Zahl der drei,

Jetzt Oberstleutnant mit Orden.

 

Und manche Frauen und manche Herrn

Saßen herum als Gäste,

Sie waren geladen von nah und fern

Zum fröhlichen Hochzeitsfeste.

 

Forellen setzte man auf den Tisch,

Dann einen gebratenen Hahnen,

Es war bei dem leckern Braten und Fisch

Nicht nöthig, zum Essen zu mahnen.

 

Dann eine bedeckte Schüssel kam –

Wer sollte den Deckel heben?

Das Bräutchen winkte dem Bräutigam

Das Zeichen zum Angriff zu geben.

 

Und wie er ihn hebt und wie er schaut,

Ei, seht, was hat er entdecket?

Da lauscht zwischen Bohnen und Bohnenkraut

Ein kleiner Schütze verstecket.

 

Ein Knabe mit Silberflügelein,

Der zielet mit Pfeil und Bogen,

Der Pfeil, das ist eine Nadel fein,

Am Knopfe mit Federn bezogen.

 

Der Hauptmann stutzt und verwundert sich,

Schnell nimmt das Bräutchen, das flinke,

Die Nadel und gibt ihm einen Stich

In die Achselseite, die linke.

 

Er quiekt. Man lacht, und von Hand zu Hand

Geht die Nadel umher im Kreise,

Gelangt zu dem Oberstleutenant,

Der beschaut sie und seufzet leise.

 

Er war geschworener Hagestolz,

That am liebsten kommandiren,

Wollte nichts wissen von Amors Bolz,

Jetzt fühlt er ein menschlich Rühren.

 

Wo, ruft er, ist da noch Gegenwehr,

Wo rings der Feind nach uns zielet,

Wenn selbst aus der Bohnenschüssel her

Der Franctireur lauernd schielet?

 

Wohin vor des Schützen arger List

Im dichten Menschengetriebe?

Ich merk' es, im Lebenskompaß ist

Die magnetische Nadel die Liebe.



(* 30.06.1807, † 14.09.1887)




Bewertung:
0/5 bei 0 Stimmen

Kommentare

Mit dem Eintragen Ihres Kommentars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer angegebenen Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung einverstanden.
  • Noch kein Kommetar vorhanden!