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Der alte Todtengräber


Er grub ein Grab mit müder Hand,

Fast wollte die Kraft versagen.

Für wen? Das war ihm unbekannt

Er pflegte nicht mehr zu fragen.

 

Er murrte nicht, es sei zu schwer,

Er summte gemach und leise –

Das helle Singen gieng nicht mehr –

Eine alte Liederweise.

 

Ein Lied von Liebeslust und Leid,

Es hatt' ihn stets erfreuet,

Denn seiner Jugend Munterkeit,

Sie hat ihn nie gereuet.

 

Bald wird die Arbeit fertig sein –

Da sind ihm die Sinne geschwunden,

Er sinkt und fällt in das Grab hinein,

Da hat man ihn todt gefunden.

 

Sein friedlich Antlitz, Aug' und Mund,

Erschien so unbeweget,

Als hätt' er in den kühlen Grund

Sich wie in's Bett geleget.

 

Auch etwas Schalkheit schien dabei,

Die Lippen zu umspielen,

Und auf den Raub, so tadelfrei

Begangen, hinzuzielen.

 

Man hob ihn still und sacht' heraus,

Als ob er sanft nur schliefe,

Man grub am dunklen Erdenhaus

Noch bis zur rechten Tiefe.

 

Sein Todtenhemde mußt' er nun

Und seinen Sarg noch haben,

Dann durft' er in dem Grabe ruh'n,

Das er sich selbst gegraben.



(* 30.06.1807, † 14.09.1887)




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Kommentare

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  • Gravatar von poesiepiratmichl
    poesiepiratmichl | michl@arttransfair.de
    vor rund 6 Jahren

    eine perle von gedicht werde es vertonen danke