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Das Kreuz am Inn


Am Innstrom giengen wir dahin

Und sahen die breiten Wogen zieh'n.

 

Ein einsam Kreuz gewahrt' ich da

Jenseits im Feld, dem Ufer nah.

 

Dran hieng, ich sah's im Sonnenglanz,

Entblättert fast ein dunkler Kranz.

 

Was will das Kreuz am fernen Ort?

Besagt es Unfall oder Mord?

 

Wär' heut der rechte Tag im Jahr,

Du säh'st ein Bild, das spräche klar.

 

Ein altes Weiblein sähest Du,

Es strebt vom Dorf der Stätte zu,

 

Schwarz angethan von Kopf zu Fuß,

Mit einem Kranz als Todtengruß,

 

Die rechte Hand am Krückenstab,

Gelangt sie mühsam an dieß Grab,

 

Kniet nieder, hängt den Blätterkreis

An's Kreuz und betet lang und heiß,

 

Und weint und weint und weilet lang

Und macht zurück den schweren Gang.

 

Sie war im Dorf die schönste Maid

Und manches Freiers Herzeleid,

 

Im Landlertanz als Königin

Gefeiert auf und ab am Inn,

 

Rasch, wacker, frisch an Seel' und Leib,

Man weiß noch heut: ein prächtig Weib.

 

Da brach in' s Innthal der Franzos,

Da gieng am Strom das Schlagen los.

 

Und eines Tags in schmucken Reih'n

Marschiren Kaiserjäger ein,

 

Dem Zug voran ein junges Blut,

Das grüne Reis am Jägerhut,

 

Zwei Ehrenzeichen auf der Brust,

Der ganzen Mannschaft Stolz und Lust,

 

Ein Schütze, wie man keinen sah,

Wo die Gefahr kam, war er da,

 

Sein Feuerblick, sein Feuerwort

Riß selbst den Bebenden mit fort,

 

Doch vatergleich, so jung er war,

Sorgt er für seine kleine Schaar.

 

Und wie ihn kaum die Maid geseh'n,

Da war es um ihr Herz gescheh'n.

 

Und wie er kaum die Maid gesehen,

Da war es um sein Herz gescheh'n.

 

Den Abend und die nächste Nacht

Ward in dem Dorfe Halt gemacht,

 

Fürbaß in's Feld, vielleicht zum Tod,

Gieng's schon am nächsten Morgenroth.

 

Wie leicht in Krieges Sturm und Drang

Wird Sturmschritt auch der Liebe Gang!

 

Als kennten sie sich manches Jahr,

Eilt Herz an Herz das junge Paar,

 

Tauscht Kuß um Kuß, verträumt die Zeit,

Vergißt, daß wohl der Feind nicht weit.

 

»Horch! Hörst du nicht ein Hornsignal?«

»»O nein, es war der Hirt im Thal.««

 

Er glaubt es nicht und glaubt es doch

Und bleibt und weilt im Himmel noch.

 

Da knallt ein Schuß und noch ein Schuß.

»Fort! Auf! Noch einen letzten Kuß!«

 

»Den Stutzen her!« und aus dem Haus

Stürmt er hinein in Nacht und Graus.

 

Links, rechts empfängt ihn Knall auf Knall –

Es war ein jäher Ueberfall.

 

Die Jäger sind zurückgedrängt,

Die letzten mit dem Feind vermengt.

 

Zum Laden reicht die Zeit nicht mehr,

Den Kolben schwingt er um sich her.

 

Er wehrt sich wie ein grimmer Leu,

Der Schwall vermehrt sich immer neu.

 

Sie sieht's noch einen Augenblick,

Dann drängt die Noth auch ihn zurück.

 

Sie hört, sie horcht, zum Stromesbord

Bewegt die wilde Jagd sich fort.

 

Fern tönt und ferner nun der Schall,

Stumm wird der Berge Wiederhall.

 

Man suchte sie am frühen Tag

Und fand sie, wo der Todte lag.

 

Auf seine Leiche hingestreckt

Ward sie zum Leben schwer geweckt.

 

Dort war es, sieh noch einmal hin,

Dort lag er, dort begrub man ihn.

 

Ob's regnen, stürmen, schneien mag,

Nie fehlt der Kranz am Todestag.«



(* 30.06.1807, † 14.09.1887)




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