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An Uhlands Geist


Ems 1871, als an der Wirthstafel ein Kellner aufwartete, der Sonntags zwei Orden trug.

 

Wenn heut dein Geist herniederstiege

In diese deine deutsche Welt,

Wie sie nach neuem heil'gem Kriege

Ihr Haus gemauert und bestellt:

Hoch auf dem Giebel Preußens Krone,

Der Bau ein erblich Kaiserthum, –

Du zögst in Falten zweifelsohne

Die Stirn und schautest kaum dich um;

 

Dein Auge sänk' in seine Höhle,

Ein Seufzer kündete dein Leid:

»O, von der Freiheit heil'gem Oele

Ist solch ein Scheitel nicht geweiht!

O Tag, so bist du nicht gewesen,

An den ich lange fromm geglaubt,

Tag, wo mein Volk sich würd' erlesen

In freier Wahl sein Herrscherhaupt!« –

 

In Ehrfurcht sei von uns gebeten,

Hieher in diesen heitern Saal

Zum Tisch der Lebenden zu treten,

Du ernster Gast im Erdenthal!

Du pflegst das Volk nicht zu verachten,

So wolle denn, von uns umringt,

Den schlanken jungen Mann betrachten,

Der uns den Wein, die Schüsseln bringt.

 

Sieh hin, er trägt ein Kreuz von Eisen

An einem schwarz und weißen Band;

Dir ist, was dieser Schmuck will heißen,

Von alten Tagen wohl bekannt.

Doch kann er's nicht von damals haben,

Als Erbe streicht man es nicht ein,

Es muß von diesem wackern Knaben

Mit eignem Arm errungen sein.

 

Das zweite, das daneben funkelt

Von buntem Schmelz und Goldeslicht,

Das feine Ritterkreuz verdunkelt

Des schlichten Nachbars Ehre nicht:

Sein Landsherr hat's ihm angeheftet,

Des Männerwerthes wohl bewußt.

Gib zu: hier ist dein Wort entkräftet

Vom trüben Stern auf kalter Brust.

 

Wenn er, gefällig anzuschauen,

Mit grünen Bohnen uns bedenkt:

Jüngst hat er mit gegoßnen blauen

Aus heißem Rohr den Feind beschenkt.

Mit leichtem Griff befreit er eben

Das Rebenblut aus seiner Haft:

So sachte nicht im Kampf um's Leben

Entkorkte er den rothen Saft.

 

Da diente er bei andrem Schmause

Dem fürchterlichen Schlachtengott

Im mörderischen Kugelsause

Bei Marslatour und Gravelotte.

Mit seinem Volk in Wehr und Waffen

Hat er im blutgestriemten Feld

Redlich am Reiche mitgeschaffen,

Zugleich ein Kellner und ein Held. –

 

Es thaut auf deinem Angesichte;

Dem Geist von höheren. Geschlecht,

Dem Genius der Weltgeschichte

Beugt sich dein Trotz auf's alte Recht.

Noch ist nicht Alles rund beisammen,

Auch uns gefällt's nicht allerwärts,

Doch seh' ich dir das Auge flammen

Und klopfen hör' ich dir das Herz.



(* 30.06.1807, † 14.09.1887)




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