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An meine Wanduhr


Schwarzwaldtochter, gute, alte,

Gelt, wir kennen uns schon lange?

Haben redlich miteinander

In gesetzter Kameradschaft

Manches Jährchen ausgehalten.

Gute Zeiten, schlimme Zeiten

Haben wir verlebt zusammen.

 

Und die schlimmste war von allen,

Als es soweit kommen mußte,

Daß wir ordentliche Freunde

Unter uns beinah' zerfielen.

Damals war es, als du draußen

In dem Hausgang dunkel hiengest

Und ich deines Pendels Picken

Fast nicht mehr ertragen konnte.

Weil die Stunden, die er zählte,

Stunden waren, wie Verdammte

In der Hölle Schlund sie zählen,

Damals, als ich nur mit Seufzern,

Schwer aus tiefer Brust geholten,

Ueber meine eigne Schwelle,

In des eignen Hauses Räume

Trat und als der Schritt zum Grabe

Leichter mir denn Heimkehr däuchte.

 

Eines Tages aber glaubt' ich

Aus dem schläfrigen Genicke

Ein bekanntes, oft geles'nes

Dichterwort herauszuhören,

Das da heißt: die Stunde rinnt auch

Durch den rauh'sten Tag. Von da an

Sind wir wieder Freunde worden,

Und nachdem der Tage rauh'ster

Von dem Pendel war durchschwungen,

Hab' ich dich verpackt, in andre

Lande dich mit mir genommen

Und von da an, gute Alte,

Sind wir nun allein beisammen,

In der Stube, nicht im Hausgang

Hängst du, mußt sie nicht mehr sehen,

Der zulieb man dich verdrängte,

Jene Standuhr, jene eitle

Aufgeblasene Französin

Mit dem schlenkrigen, geschweiften

Zierrath, der in Golde flunkert,

Mit dem Schäferknaben drüber,

Dem empfindsam widrig süßen.

Jenes wälsche Prunkgebilde

Hast du immerdar, ich weiß es,

In der Seele Grund verachtet,

Und ich kann dir's nicht verargen.

 

Tik, Tak, Tak, Tik, Tik, Tak, Tak, Tik!

Und so weiter und so weiter.

Oft auch klingt's, als wären' s Worte:

»Zeit ist Zeit und Zeit ist Zeit und

Nichts als Zeit« – O du gesunde

Trockenheit, du wasserklare

Nüchternheit! Beschwichtigender

Mohnsaft der gediegnen, guten

Langen Weile, der da wohnet

In dem immer, immer gleichen

Brunnenrohrgeplauderartig

Steten Messingpendelgange!

Was ich dir verdanke, weißt du.

Wenn ich einmal je versäume –

Es geschieht, bezeug' es, selten –

Die Gewichte aufzuziehen,

Und du bleibst auf einmal stehen,

So erschreck' ich just als fiel' ich

Aus der Zeit und ihrem Gleichfluß

In die Ewigkeit hinunter, –

Nicht die Ewigkeit des Himmels,

Nein, die Ewigkeit der Qualen,

In des Abgrunds Feuerofen,

Wo gluthaugige Dämonen,

Wo die Larven unsrer eignen

Menschenbrust entkettet hausen

Und sich selbst die Flammen schüren.

Ja, wie grausig geisterhafter

Lärm erscheint mir dann die Stille,

Wenn der Zeiten ich muß denken,

Wo ich, deines Raths vergessend,

Takt zu halten, Takt zu halten,

In das Chaos, in die wilden

Rhythmuslosen Wirbel stürzte.

 

Ab und zu – nimm mir's nicht übel,

Meine gute, liebe Base! –

Hast du freilich auch Momente,

Wo der Eifer dich verleitet,

Eine Regel, die zum Takte

Doch auch billig wird gerechnet,

Vorschnell außer Acht zu lassen:

Wenn man spricht und wenn man mitten

Im Zusammenhang der Rede

Sich befindet und der Worte

Wichtigstes zu sagen ansetzt,

Fängst du an dich laut zu räuspern

Mit des Warntons Radgeschnurre

Und zerhaust mit deinem Schlage

Feinen Wortgewebes Faden.

Doch ich hab' nach kurzem Aerger,

Etwa einem derben Fluche

Dir's noch allemal verziehen,

Wohlerwägend, daß du eine

Frau bist und die Frauen alle

Doch nur äußerst ausnahmsweise

Warten können, bis der Andre,

Bis ihr Mitmensch ausgeredet; –

Welcher Punkt Geduld erfordert.

 

Hast auch Zeiten miterlebet,

Die im Stande schon gewesen,

Nerven selbst von Stahl und Messing

Aufzuregen, ja bisweilen

Wirklich aus dem Takt zu bringen:

Zeit des Jahres acht und vierzig,

Als wir alle trunken waren,

Deutschen Parlamentes Wirren,

Niedergang der schönen Hoffnung,

Blinder Aufruhr, Sieg der alten

Ausgelebten traur'gen Mißform,

Die man deutschen Bund benamste,

Und die Jahre, wo herunter

Eine Last von Blei sich senkte

Und auf's Neue das zerspaltne

Deutschland zum Gelächter wurde

Für die Völker aller Zonen.

Endlich regt sich's in den Lüften,

Ostseewogen hört man rauschen,

Alte Sagen klingen wieder

Ferneher von Nordlandsrecken,

An dem Fuß der Düpplerschanzen

Blitzt ein Wald von Bajonetten,

Stürmt hinan und holt sich droben

Die begrab'ne deutsche Ehre. –

Aber ach, bald ward es wieder

Schwül und dunkel und, ich weiß noch,

Eines Tages war's, als bebtest

Du im Fieber, unbegreiflich

Bliebst du dann auf einmal stehen

Und am Abend, blutumwittert,

Kam die Kunde von Sadowa. –

Doch wie anders, anders war es

Uns an einem andere Tage,

Sonnigen Septembermorgen.

O wie war es uns zu Muthe,

Als du eben zehn Uhr schlugest

Und ein Freund zu mir in's Zimmer

Kam gestürzt und mit Verwundern

Mich am Schreibtisch ruhig sitzend

Fand und rief: Bist taub geworden?

Hörst das Laufen nicht und Rufen,

Nicht den hellen Jubel draußen?

Auf dem Kirchplatz, auf dem Markte

Wechseln Chöre und Fanfaren,

Fahnen flattern von den Giebeln!

Eingekreist von unsrem Heere

Wie bei einem Kesseltreiben

Hat der wälsche Lügenkaiser

Ausgeliefert seinen Degen!

Deutschland lebt, ist auferstanden!

 

Aber nach den großen Zeiten

Kam es wieder trüb und trüber,

Wußte nicht, warum du so viel

Neigung spürest, nachzugehen,

Wie ich auch des Pendels Scheibe

Sorglich aufwärts schieben mochte.

Sumpfluft wehte durch die Fenster,

Aufgebrodelt aus dem Schlamme,

Aus dem Pfuhl, worin die Seele

Unsers Volks, die angefaulte,

Von den Siegen dumpf berauschte,

Thierisch wühlend sich gebettet;

Und vergällt war uns der reine

Feuerwein des Hochgefühles

Und der vollen Purpurrose

Duft war hin, als wär' darüber

Eine Wanze hergekrochen,

Und zu Ekel ward die Freude. –

 

Wird es besser? Wollen's hoffen,

Wollen's glauben! Ach, wir werden

Die Genesung kaum erleben,

Denn vergiftete Gewissen

Brauchen Zeit, sich auszuheilen. –

Etwas heiser, gute Alte?

Ja, so starker Wetterwechsel,

Auch der letzte harte Winter,

Neben dir der heiße Ofen,

Die Erhitzung, die Vertrocknung

Deines Lebensöls, darauf dann

Unausbleiblich die Verkältung –

Ich begreif' es und in deine

Katarrhalischen Gefühle

Kann ich mich verständnisinnig

Theilnahmvoll hineinversetzen.

Warte nur, wir werden sorgen,

Denn es wird ja bald von Schramberg

Wohl dein Landsmann wieder kommen,

Weißt, der wackre Uhren-Jakob,

Der dich schon einmal kurirte,

Den du mehr als die gelehrten

Großstadtärzte liebst und achtest.

 

Wie, Du schnurrst? Du rasselst? Warnest?

Richtig, ja die mitternächt'ge

Stunde weiset schon der Zeiger,

Ueber unsrem Zwiegespräche

Ist sie mit den Geistertritten

Unbemerkt herangeschlichen.

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,

Achte, neune, zehne, eilfe –

Was? nicht weiter? eilf nur schlägst du?

So zerstreut? Ei, ei, was treibst du?

Das ist stark, das hätt' ich wirklich

Nicht von dir erwartet, Alte!

Hätte gute Lust, zur Strafe

Heute dich nicht aufzuziehen –

 

Aber halt! Nein, nein. Ich ahne,

Es ist gut gemeint, du willst mir,

Wie im Spiel man etwa vorgibt.

Wie der Kaufmann einem Kinde

Etlich Feigen oder Mandeln

Zu der Waare in die Hand legt,

Wie das Schaltjahr einen Tag uns,

Einen übrigen vergönne,

Willst mir so ein Stündchen schenken,

Zuwagstündchen, Gratisstündchen,

Unverhofftes Urlanbstündchen,

Prolongirung der Vakanzzeit,

Ausnahmsweisen Thorschluß-Aufschub.

Danke! Danke! Und ich will es

Mit Gemächlichkeit genießen!

Ja, wir wollen's miteinander

Noch ein Stündchen weiter treiben,

Wollen uns die dreingegebne

Spanne Zeit noch schmecken lassen

Und beim Thorschluß nicht erblassen.

Dir versprech' ich: eh' es schnarret,

Eh' die Angel ächzt und knarret,

Eh' in's Schloß die Flügel fallen,

Dich für deine langen, treuen,

Unverdroßnen, alten, neuen

Dienste werd' ich neben allen

Andern Freunden, guten, lieben,

Durch Vergessen nicht betrüben.

Vielmehr sogleich sitz' ich nieder,

Um mit festen Federzügen

Testamentlich zu verfügen,

Daß nach mir des Hauses Glieder

Immerdar dich sollen ehren.

Und, wenn einst in späten Tagen

Deine Kräfte dir versagen,

Dir das Gnadenbrod gewähren:

Sollen nimmer dich dem schnöden

Auswurfplunder, dem gemeinen

Alten Eisen zu vereinen

Sinn- und herzlos sich entblöden.

 

Oder halt! ein bessrer Wille!

In demselben Augenblicke,

Wo ich nicke, wo ich knicke,

Stelle man den Pendel stille!

Statt in Rumpelkammerwildniß

Sollst du an der Wand dort hangen

Bei dem Bild mit vollen Wangen,

Meinem alten Knabenbildniß.

Wird ein später Enkel deuten

Nach der stummen Uhr und fragen,

Was sie schweigend will besagen,

Mag der Vater, der die Zeiten

Kennt, und wär' es nur vom Lesen,

Melden, was in Mannesjahren

Der dort Alles hat erfahren,

Wie es dazumal gewesen,

Was für Stunden ihm gezeiget

Und geschlagen hat im Leben

Einst die Schwarzwald-Uhr daneben.

Und der Enkel sinnt und schweiget.



(* 30.06.1807, † 14.09.1887)




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