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Amselruf


Bravo, bravo, lieber Sänger,

Daß ich nach so langen, trüben,

In der Stubenluft versess'nen,

Klanglos öden Wintermonden

Endlich einmal deine Stimme,

Endlich einmal wieder höre!

 

Immer gieng der volle, runde

Glockenton des Amselrufes

Ganz besonders mir zu Herzen.

 

Horch! jetzt klingt es tief elegisch,

Weich, in wenigen Accorden!

Waldes-Echo scheint sich diesem

Hälschen einverleibt zu haben,

Um aus seinen Klängen selber

Ohne Wald hervorzuhallen.

Horch, jetzt klingt es schalkhaft närrisch,

Schelmenpfiffe, Kichern, Schnalzen,

Tonscherz, schnaderhüpfelartig,

Unterbricht die langgezognen,

Tiefgeholten Sehnsuchtlaute.

 

Weiß schon, weiß schon, gutes Thierchen:

Willst dich melden, dich empfehlen

Deiner künftigen Geliebten,

Deiner Cidly, deiner Fanny,

Wie sich Klopstock einst so zärtlich

Seiner nur erst vorgestellten

Auserwählten hat empfohlen,

Die aus unbekannter Ferne

Doch auch ihn nicht minder innig

Schon im Voraus lieben mußte,

Wenn er in Alcäus' oder

Sappho's strengem Odenrhythmus

An sie hinsang und den Marmor

Der gemess'nen Form durchbebte

Mit der Wehmuth süßer Wonne.

 

Eigen aber ist mir heute

Bei dem Vogelgruß zu Muthe,

Anders klingt er in mir wieder,

Als in meinen jungen Tagen,

Summend muß ich ihn begleiten

Mit den Worten: und so darf ich,

Und so darf ich denn noch einmal,

Darf die mir so lieben Töne

Jedenfalls noch dießmal hören.

 

Mag man auch den Tod nicht fürchten,

Ach, es liegt ein trüber Schleier

Auf dem hellsten Frühlingstage,

Ach, es liegt ein trüber Dämpfer

Auf dem hellsten Vogelsange,

Wenn man weiß: nicht oft mehr werd' ich's

Sehen, darf's nicht oft mehr hören,

Ja, vielleicht ich seh' und hör' es

Diesesmal zum letztenmale.

Doch mein liebes Amselhähnchen,

Das du eben jetzt auf's Neue

Einen Jodler, einen Jauchzer

Hören lässest, wie die Bursche

Dort im Waldgebirg von Bregenz

Aus der starken Kehle Tiefen

In drei Tönen schwellen lassen,

Daß er fernhin wiederhalle, –

Glücklich sorgenfreies Wesen,

Das du offenbar nach meinen

Todgedanken gar nicht fragest,

Ich will gerne von dir lernen.

Du auch lebst wohl schwerlich länger,

Als von heut an ich noch lebe.

Doch was kümmert's dich? Dir ist es

Just so wohl bei deiner süßen

Sangesleistung, und die schwarze

Amselhenne, die im fernen

Busche schon verborgen lauschet,

Sie vernimmt dich just so gerne,

Und du weißt auch, daß das alte

Menschenkind, das horchend stehet,

Heute just so gern dich höret,

Als vor vielen tausend Jahren

Ein Aegypter, ein Assyrer,

Inder, Perser oder Meder

Oder Grieche oder Römer

Oder blonder deutscher Recke

Deinen Urur-Urur-Urur-

Ururururvetter hörte,

Als vor vielen tausend Jahren

Eine schwarze Amselhenne,

Amselcidly, Amselfanny

Ihren künft'gen Klopstock hörte,

Als nach vielen tausend Jahren

Einst der Enkel jener alten

Völker oder auch ein Sprößling

Neuer, jetzt erst halbgeborner

Oder ungeborner Völker,

Als nach vielen tausend Jahren

Aus noch ungelegten Eiern

Ausgeschlüpfte Amselhennen

Deinen auch noch ungelegten

Zukunftvetter hören werden.

 

Woraus logisch für mich folget,

Daß man nach dem Vor- und Nachher,

Nach den tausend, tausend Jahren,

Nach dem: »vielleicht dießmal nur noch«

Ueberhaupt nicht fragen soll.

 

Und so hör' ich deine Weisen,

Höre diese weichen Klagen,

Diese Schelmenliederstückchen,

Trinke dieses Ohrenlabsal

Deiner Wasserorgelklänge

Just so froh, als hätt' ich ihnen

In der Urzeit schon gelauschet,

Just so froh, als ob ich immer,

Immerdar sie hören dürfte.

Wer sich freuet, Jener oder

Dieser, wann sich Einer freuet

Und wie oft sich Einer freuet,

Bleibt sich völlig gleich; es freut sich

Eben jedesmal ein Jemand,

Und der Jemand bin für dießmal

Eben ich und darf mich freuen.

Ewigkeit besteht ja doch nur

Lediglich aus Augenblicken,

Schlägt in einen dieser vielen

Augenblicke denn ein heller

Amselruf herein, warum doch

Sollt' ich um die vielen andern

Augenblicke da mich grämen,

Wo ich nicht mehr bin und Andre

Dieses Wohllauts sich erfreuen,

Warum mich beschämen lassen

Von der heitern Vogelseele,

Die den Augenblick so lieblich

Füllet, formt und färbt und fesselt?

 

Horch! es jauchzt und klaget wieder

Süß und innig! Horch, es trillert

Schelmisch wieder! Ei, das Thierchen

Mag sich wohl darob auch freuen,

Daß ich seine weise Lehre

Nun so gut verstanden habe.

 

Nett wär's immerhin, gesteh' ich,

Wenn vor meinem letzten Hauche

Ich's noch einmal hören dürfte,

Diesen Ton noch einmal schlürfen.

Hört' ich ihn dann leiser, leiser,

Wie aus blauer Bergeshalde,

Wie bei Nacht im tiefen Walde,

Ganz verhallend, ganz von ferne:

Noch einmal so leicht und gerne

Würd' ich, von so manchen Wegen

Müde, dann auf's Ohr mich legen.



(* 30.06.1807, † 14.09.1887)




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