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Jeremiade


Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,

Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!

Philosophen verderben die Sprache, Poeten die Logik,

Und mit dem Menschenverstand kommt man durchs Leben nicht mehr.

Aus der Ästhetik, wohin sie gehört, verjagt mand ie Tugend,

Jagt sie, den lästigen Gast, in die Politik hinein.

Wohin wenden wir uns? Sind wir natürlich, so sind wir

Platt; und genieren wir uns, nennt man es abgeschmackt gar.

Schöne Naivität der Stubenmädchen zu Leipzig,

Komm doch wieder, o komm, witzige Einfalt, zurück!

Komm, Komödie, wieder, du ehrbare Wochenvisite,

Siegmund, du süßer Amant, Mascarill, spaßhafter Knecht!

Trauerspiele voll Salz, voll epigrammatischer Nadeln,

Und du, Menuettschritt unsers geborgten Kothurns!

Philosoph′scher Roman, du Gliedermann, der so geduldig

Still hält, wenn die Natur gegen den Schneider sich wehrt.

Alte Prosa, komm wieder, die Alles so ehrlich heraussagt,

Was sie denkt und gedacht, auch was der Leser sich denkt.

Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,

Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!



(* 10.11.1759, † 09.05.1805)




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