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Dido


Freie Übersetzung des vierten Buchs der Aeneide

 

1.

Doch lange schon im stillen Busen nährt

Die Königin die schwere Liebeswunde!

Ergriffen tief hat sie des Mannes Wert,

Des Volkes Glanz und seines Ruhmes Kunde;

An seinen Blicken hängt sie, seinem Munde,

Und, leise schleichend, an dem Herzen zehrt

Ein stilles Feuer; es entfloh der Friede,

Der goldne Schlaf von ihrem Augenliede.

 

2.

Kaum zog Aurorens Hand die feuchte Schattenhülle

Vom Horizont hinweg, als ihres Busens Fülle

Ins gleich gestimmte Herz der Schwester überwallt.

Ach, welche Zweifel sind′s, die schlaflos mich durchbohren!

Geliebte, welcher Gast zog ein zu unsern Toren!

Wie edel! Welche männliche Gestalt!

Wie groß sein Mut! Sein Arm, wie tapfer im Gefechte!

Gewiss, erstammt von göttlichem Geschlechte.

 

3.

Durch welche Prüfung ließ das Schicksal ihn nicht gehn!

Gemeine Seelen wird das feige Herz verklagen;

Du hörtest, welche Schlachten er geschlagen!

Ja, könnte Liebe je in dieser Brust erstehn,

Seit mein Sichäus in das Grab gestiegen,

Und wäre mein Entschluss, mein Abscheu zu besiegen

An Hymens Banden - soll ich dir′s gestehn?

Der einz′ge könnte schwach mich sehn.

 

4.

Ja, Anna, ohne Rückhalt soll vor dir

Das Herz der Schwester sich erschließen!

Seitdem ein Brudermord Sichäus mir,

Der meine erste Liebe war, entrissen,

Seit meiner Flucht war dies der erste Mann,

Der meinem Herzen Neigung abgewann,

Der erste, sag′ ich dir, der mich zum Wanken brachte,

Neu ist die Glut erwacht, die einst mich selig machte.

 

5.

Doch eher schlinge Tellus mich hinab,

Mich schleudre Jovis Blitz hinunter zu den Schatten,

Zu des Avernus bleichen Schatten,

Hinunter in das ewig finstre Grab,

Eh′ dass ich deine heiligen Gesetze,

Schamhaftigkeit, und meinen Eid verletze!

Er nahm mein Herz dahin, ihm war′s zuerst geweiht,

Sein bleibt′s in alle Ewigkeit.

 

6.

Sie spricht′s, und ihren Schoß betauen milde Zähren.

O über alles mir Geliebte! Gibt

Die Schwester ihr zurück. Allein und ungeliebt

Willst du verblühn, den Kummer ewig nähren?

Die Wonne, die aus holden Kindern lacht,

Der Venus Freuden dir Versagen?

Nach solchen Opfern, meinst du, fragen

Die Toten in des Abgrunds Nacht?

 

7.

Und sei′s! Hat denn der vielen Freier einer

Dein kummerkrankes Herz zur Liebe je geneigt?

Von allen kriegerischen Fürsten keiner,

Die Afrika in seinem Schoß gezeugt.

Selbst der, vor dem die Libyer erbeben,

Den Tyrus längst gehasst, selbst Jarbas konnt′ es nicht;

Und einer Neigung willst und widerstreben,

Für die dein Herz so mächtig spricht?

 

8.

Vergaßest du, wo du dich eingewohnet,

Dass ohne Zaum hier der Numider jagt,

Der unbezwungne Getuler hier thronet,

Die Syrte dort die Landung dir versagt,

hier unwirtbare Wüsten dich umgrausen,

Dort der Barcäer wilde Völker hausen,

Der Bruder selbst, dess Habsucht du entflohn,

Und Tyrus Waffen sich von Osten her bedrohn?

 

9.

Glaub′ mir, die Götter, die dich lieben,

Lucina selber war′s, die an Karthago′s Strand

Die Schiffe dieser Fremdlinge getrieben.

Welch eine Stadt seh′ ich durch dieses Eheband,

Welch einen Thron, o Schwester, sich erheben!

Zu welchen strahlenvollen Höhn

Wird der Karthager Name schweben

Wenn solche Helden uns zur Seite stehn!

 

10.

Versöhne du nur erst der Götter Zorngericht

Durch frischer Opfer Blut. Die Fremdlinge zu halten,

Lass königlich des Gastrechts Fülle walten;

An Gründen, sie zu fesseln, fehlt es nicht.

Seht die zerbrochnen Schiff′! Seht, wie die Nebel rauchen,

Die See noch stürmt, Orion Regen zieht!

So wusste die zur Glut den Funken aufzuhauchen,

Die Hoffnung naht, und das Erröten flieht.

 

11.

Jetzt fragt sie das Geschick an blutigen Altären.

Dir, Phöbus, der das Künftige enthüllt,

Die, Städte gründende Demeter, quillt

Zweijähr′ger Rinder Blut, dir, Bromius, zu Ehren,

Vor allen, Juno, dir, der Ehen Schützerin.

Vor dem Altar sieht man die schönste aller Frauen,

Den Becher in der Hand, Karthago′s Königin,

Des weißen Rindes Haupt mit heil′ger Flut betauen.

 

12.

Bald geht sie vor der Götter Angesicht

An den noch dampfenden Altären auf und nieder,

Beschenkt die schon Beschenkten wieder

Und forscht, was rauchend noch das Eingeweide spricht.

Betörtes Sehervolk! Befreien

Gebet und Opfer wohl das schwer befangne Herz?

Am innern Mark zehrt der verhehlte Schmerz

Und spottet eurer Träumereinen.

 

13.

Der Flammen unheilbare Pein

Treibt sie, Karthago′s Stadt im Wahnsinn zu durcheilen.

So flieht die Hindin, die in Kreta′s Hain

Mit zwecklos abgeschossnen Pfeilen

Der ferne Jäger traf. In ihrem Fleisch das Rohr

Des Todes, das der Feind verlor,

Betaut sie die durcheilten Felder

Mit ihrem Blut und Dikte′s finstre Wälder.

 

14.

Jetzt führt sie durch Karthago ihren Gast,

Zeigt prahlend ihm der Mauern stolze Last

Und lässt vor seinem Blick die Größe Sidons prangen.

Ein flüchtiges Gespräch wird schüchtern angefangen;

Schnell reißt die Furcht es wieder ab. Kaum bricht

Der Abend ein, so winkt das Mahl; sie fodert

Von Trojens Fall aufs neue von ihm Bericht

Und nährt die Glut, die in dem Herzen lodert.

 

15.

Trennt endlich sie der strenge Ruf der Nacht,

Und winkt der Sterne sinkend Licht zum Schlummer,

So nährt sie einsam ihren Kummer,

Und sein verlassnes Polster wird bewacht.

Abwesend hört sie ihn, verschlingt sie seine Züge,

Herzt in Askan des teuren Vaters Bild,

Ob sie vielleicht die Leidenschaft betrüge,

Die glühend ihren Busen füllt.

 

16.

Der Türme hoch geführte Lasten

Erlahmen bald in ihrem muntern Lauf;

Kein Wall, kein Giebel steigt mehr auf,

Und tausend fleiß′ge Hände rasten.

Der Jugend müß′ger Arm entwöhnt sich von dem Speer,

Im Hafen tönt kein Hammer mehr,

Und unvollendet trauert das Gerüste,

Das prahlend schon die Wolken küsste.

 

17.

Als Zeus Gemahlin sie von Liebesflammen brennen

Und selbst des Rufes Stimme trotzen sah,

Begann sie so zur schönen Cypria:

Glorwürdiges - man muss bekennen!

Hat ihr vollbracht, du und dein wackrer Sohn!

Mit reichem Raub zeiht ihr davon!

Ein wahres Heldenwerk, ein Weib zu überlisten!

Wert, dass zwei Götter sich mit ihrer Allmach trüsten.

 

18.

So scheint es doch, man habe meinen Sitezn

Und meiner Puner Treu′ nicht sonderlich getraut?

Doch wo das Ziel? Wozu in Kämpfen uns erhitzen?

Lass Friede sein, und Dido werde Braut!

Du hast′s erreicht: Sie liebt, sie rast von Liebesflammen.

Sei′s denn! Sie werde dieses Phrygers Magd,

Dir sei der Tyrer Volk zur Mitgift zugesagt,

Wir beide schützen es zusammen.

 

19.

Idalia durchrang der Rede list′gen Sinn,

Das Reich Hesperiens, den Teukriern entrissen,

In Libyens Grenzen einzuschließen,

Und schlau erwidert ihr der Schönheit Königin:

Wer wäre Thor genug, mit deiner Macht zu streiten

Und dein Erbieten feindlich zu verschmähn?

Nur müsste, was durch uns geschehn,

Das Glück zum guten Ende leiten.

 

20.

Zu wenig bin ich selbst mit dem Geschick vertraut,

Doch wird es Jupiter gestatten,

Dass der Trojaner an den Tyrer baut,

Dass beide Stämme sich in Eins zusammen gatten,

Zu einem Volk vereint durch ew′gen Bund?

Du, seine Gattin, magst dich bittend an ihn wenden,

Neig′ ihn durch deinen hoch beredten Mund,

Ich will das übrige vollenden.

 

21.

Darüber lass Saturnien gewähren!

Gibt ihr des Himmels Königin zurück.

Doch, wie dies dringende Geschäft mit Glück

Zu enden sei, lass mich vor allem dich belehren.

Sobald der erste Morgen tagt,

Und Titans Strahlen kaum die junge Welt bescheinen,

Führt in den nächst gelegnen Hainen

Die Liebestrunkene den Teukrer auf die Jagd.

 

22.

Wenn das Geschwader nun auf flügelschnellen Rossen

Dahinschwebt, mit dem Garn das Wildgeheg umzäunt,

Send′ ich von oben her, vermengt mit schwarzen Schlossen,

Ein Ungewitter ab; der ganze Himmel scheint

Im Wolkenbruch herabgeflossen,

Durch die zerrissnen Lüfte kracht

Mein Donner, und Gewitternacht

Trennt von dem Fürstenpaar die fliehenden Genossen.

 

23.

In einer Grotte wird alsdann die Königin

Mit dem Trojaner sich zusammen finden,

Dort werd′ ich gegenwärtig sein und, bin

Ich deiner nur gewiss, auf ewig sie verbinden.

Dort kröne Hymen ihrer Herzen Bund! -

Ihr winkt die Andre zu mit hoch zufriednen Blicken,

Ein Lächeln schimmert um der Göttin Mund,

Dass ihr′s geglückt die Feindin zu berücken.

 

24.

Indes war Eos leuchtendes Gespann

Aus blauer Wogen Schoß gestiegen.

Beim ersten Gruß der Göttin fliegen

Karthago′s Pforten auf, es fluten Ross und Mann

In munterm Schwarm laut lärmend durch die Felder,

Das weite Garn, den Jagdspieß in der Hand,

Kommt der Massylier im Flug daher gerannt,

Es schnaubt der Doggen Spürkraft durch die Wälder.

 

25.

Am Eingang des Palastes harrt

Der Königin, die noch am Putztisch säumet,

Der Puner Fürstenschar, und an den Stufen scharrt,

IN Gold und Purpur prächtig aufgezäumet,

Das stolze Ross der edlen Jägerin,

Und knirscht voll Ungeduld in die beschäumten Zügel.

Auf tun sich endlich des Palastes Flügel,

Umringt von Volk erscheint Karthago′s Königin.

 

26.

Ein tyrisch Oberkleid, geschmückt

Mit buntem Saum, umfließt die schönen Glieder,

Durch ihre Locken ist ein goldnes Netz gestrickt,

Vom Rücken schwankt der volle Köcher nieder,

Von goldnem Haken wird der Purpur aufgeknüpft.

Ihr folgt der Phryger Schar; mit kind′schem Jubel hüpft

Askan voraus, und, Alle zu verdunkeln,

Sieht man Aeneen selbst im mittlern Reihen funkeln.

 

27.

So, wenn Apoll zu Delos heim′schem Herd

Von seinem Wintersitz am Xanthus wiederkehrt -

Da lebt Gesang und Tanz! Die festlichen Altäre

Umjauchzt der Agathyrsen bunte Schar,

Der Kreter, der Dryopen Heere.

Er selbst, den zarten Zweig des Lorbeers in dem Haar,

Durch dessen Wellen sich ein goldnes Band gezogen,

Steigt von des Cynthus Höhn, und ihn umrauscht der Bogen.

 

28.

So majestätisch zog Aeneas jetzt heran.

Kaum hatte man der Berge Höhn erstiegen,

Kaum aufgescheucht das Wild auf unwegsamer Bahn,

So werfen Gämsen sich und wilde Ziegen

Im Sprung vom stielen Fels, und vom Gebirge fliegen

Durch der Gefilde weiten Plan

Der Hirsche scheue Herden, von den Wogen

Des aufgerührten Staubs den Blicken bald entzogen.

 

29.

Den raschen Renner tummelt ab und auf

Askan im tiefen Tal mit kindischem Vergnügen,

Bemüht, in vogelschnellem Lauf

Jetzt diesen, jenen dann wetteifernd zu besiegen.

Wie feurig lechzt sein junger Mut,

Zu treffen auf des Ebers Wut,

Und einmal doch in diesem scheuen Haufen

Auf einen Löwen anzulaufen!

 

30.

Indessen kracht des Himmels ganzer Plan

Von fürchterlichen Donnerschlägen,

Auf schwarzen Flügeln bringt ein heulender Orkan

Geborstner Wolken Flut, des Hagels finstern Regen.

Erschrocken fliehen auf zerstreuten Wegen

Die Punier, die Teukrer mit Askan,

In Klüften sich, in Höhlen einzuschließen,

Indem von Bergen schon sich Wetterbäche gießen.

 

31.

In einer Felsenkluft, Elisa, findest du

Mit dem Trojaner-Fürsten dich zusammen,

Dem Bräutigam führt Juno selbst dich zu,

Und Mutter Tellus winkt. Der Horizont in Flammen

Bezeugt den unglücksel′gen Liebesbund,

Statt Hochzeitsfackeln leuchten dir die Blitze,

Und heulend stimmt der Oreaden Mund

Dein Brautlied an auf hoher Felsenspitze.

 

32.

Der Fürstin Glück entfloh mit diesem Tag.

Nichts kann aus ihrem Taumel sie erwecken,

Nicht das verklagende Gerücht vermag

Aus ihrer Trunkenheit die Rasende zu schrecken.

Jetzt keine Gedanke mehr, in scheuer Heimlichkeit

Des Herzens Glut der Neugier zu entrücken,

Der Ehe heil′ger Name wird entweiht,

Die Schuld der Leidenschaft zu schmücken.

 

33.

Alsbald macht das Gerücht sich auf,

Die große Post durch Libyen zu tragen.

Wer kennt sie nicht, die Kräfte schöpft im Lauf,

Der Wesen flüchtigstes, die schnellste aller Plagen?

Klein zwar für Furcht kriecht sie aus des Erfinders Schoß.

Ein Wink - und sie ist riesengroß,

Berührt den Staub mit ihrer Sohle,

Mit ihrem Haupt des Himmels Pole.

 

34.

Das ungeheure Kind gebar einst Tellus Wut,

Zu rächen am Olymp den Untergang der Brüder,

Die jüngste Schwester der Gigantenbrut,

Behend im Lauf, mit flüchtigem Gefieder.

Groß, scheußlich, fürchterlich! So viel es Federn trägt,

Mit so viel Ohren kann es um sich lauschen,

Durch so viel Augen sieht′s, so viele Rachen reckt

Es auf, mit so viel Zungen kann es rauschen.

 

35.

Winkt Hekate die laute Welt zur Ruh,

So fliegt es brausend zwischen Erd′ und Himmel,

Kein Schlummer schließt sein Auge zu.

Am Tage sucht′s der Städte rauschendes Getümmel,

Da pflanzt es horchend sich auf hoher Türme Thron

Und schreckt die Welt mit seinem Donnerton,

So eifrig, Lästerung und Lügen festzuhalten,

Als fertig, Wahrheit zu entfalten.

 

36.

Jetzt brannt′ es schadenfroh, die mannigfachsten Sagen,

Wahr oder falsch, gleichviel! Durch Libyen zu streun.

Ein trojischer Aeneas soll gekommen sein,

Der schönen Dido Hand im Raub davon zu tragen;

Zerfließen soll in üppigen Gelagen

Die lange Winterzeit dem schwelgerischen Paar,

Vergessen sie, ihr Reich zu schirmen vor Gefahr,

Er, neue Kronen zu erjagen.

 

37.

In Jarbas nimmt das Untier seinen Lauf,

Weckt in des Königs Brust die alten Liebesflammen

Und türmt des Zornes Donnerwolken auf.

Es rühmt sich dieser Fürst, von Ammon abzustammen,

Dem die entführte Garamantis ihn gebar.

Des Stifters hohe Abkunft zu bezeigen,

Sieht man in seinem Reich unzähl′ge Tempel steigen,

Und hundertfach erhebt sich Zeus Altar.

 

38.

Des Vaters hoher Gottheit leuchtet

Ein ewig waches Feu′r, von Priestern angefacht;

Stets ist des Gottes Herd von Opferblut befeuchtet,

Indem das Heiligtum von bunten Kränzen lacht.

Hier war′s, wo jetzt, durchdonnert vom Gerüchte

Und überwältigt von des Zornes Last,

Der Fürst sich niederwarf vor Ammons Angesichte

Und flehend so zum Himmel rast:

 

39.

Das duldest du, ruft er, mit allen deinen Blitzen,

Allmächt′ger Zeus, den Libyen verehrt?

Dem wir auf prächt′gen Polstersitzen

Beim frohen Mahl der Traube Blut verspritzen?

So ist′s ein Irrlicht nur, was durch die Wolken fährt?

So zittern wir umsonst vor deinem Donnerkeile?

So ist′s ein leerer Schall, ein nichtiges Geheule,

Was unser bebend Ohr dort oben rauschen hört?

 

40.

Ein flüchtig Weib, bedrängt, ein Obdach nur zu finden,

Erscheint in meinem Reich. Auf halb geschenktem Strand

Gelingt′s ihr endlich eine Stadt zu gründen,

Die Ufer geb′ ich ihr zum Ackerland,

Schenk′ ihr großmütig alle Fürstenrechte,

Erröte nicht, um ihre Hand zu frein -

Umsonst, ein Flüchtling kommt aus trojischem Geschlechte,

Den nimmt sie auf, des Sklavin will sie sein.

 

41.

Und dieser Weiberheld mit seiner Knabenschar,

Herausgeschmückt mit seiner lyd′schen Mütze,

Unwiderstehlich durch sein Salben triefend Haar,

Genießt nun seines Raubs in ihrem Fürstensitze.

Und wir, die mit verschwenderischer Hand

Das Fleisch der Rinder dir Geschlachtet,

Gefürchtet über Meer und Land,

Wir werden ungestraft verachtet!

 

42.

Erhörung findet er vor Ammons Angesicht.

Der blickt nach Tyrus Stadt, wo, reich durch ihre Herzen,

Der Schmähsucht Pfeil die Liebenden verschmerzen,

Winkt dann vor seinen Thron Cyllenius und spricht:

Wohlan, mein Sohn! Lass dich die Winde nieder schwingen

Zu dem Dardanier, der in Karthago säumt,

Und den verheißnen Thron im Arm der Luft verträumt,

Und eile, mein Gebot zu seinem Ohr zu bringen!

 

43.

Nicht, wie man jetzt ihn überrascht, verhieß

Ihn seine Mutter mir, die Göttin von Cythere,

Nicht, dass er schwelgen sollt′ in Tyrus Stadt, entriss

Sie zweimal ihn der Myrmidonen Speere.

Das kriegerische Land, der Reiche künft′ges Grab,

Italien sollt′ er regieren,

Verherrlichen den Stamm, der ihm den Ursprung gab,

Und die bezwungne Welt in Sklavenketten führen.

 

44.

Kann solcher Größe Glanz sein Herz nicht mehr beleben,

Will er für eignen Ruhm den Arm nicht mehr erheben,

Warum missgönnt er seinem Sohn

Unväterlich der Römer Thron?

Was ist sein Zweck? Was hält in Tyrus ihn vergraben,

Wo ein verjährter Hass den Untergang ihm droht?

Er segle fort! Er segle! Will ich haben.

Das ist mein ernstliches Gebot.

 

45.

Er spricht′s, und was der große Vater ihm befohlen,

Lässt jener schleunig in Erfüllung gehn.

Erst knüpft er an den Fuß die goldnen Flügelfohlen,

Die reißend mit des Sturmes Wehn

Ihn hoch wegführen über Meer und Land,

Fasst dann den Stab, der einwiegt und erwecket,

Der die Verstorbnen führt in Lethe′s stillem Strand,

Zurückbringt und das Aug′ mit Todesnacht bedecket.

 

46.

Mit diesem Stab gebeut er dem Orkan,

Durchschwimmt der Wolken Meer und lenkt der Stürme Wagen

Jetzt langt er bei der Stirn des rauen Atlas an,

Und sieht im Fluge schon die schweren Schultern ragen,

Die hoch und steil den Himmel tragen.

In der Gewölke schwarzem Kissen ruht

Sein fichtenstarres Haupt, jetzt von des Hagels Wut

Gepeitscht, jetzt von der Winde Grimm geschlagen.

 

47.

Die Achseln deckt ein ew′ger Schnee. Es starrt

Von tausend jähr′gem Eis umfangen,

Des Greisen schauervoller Bart,

Und Wetterbäche waschen seine Wangen.

Hier hält Merkur zuerst die raschen Flügel an

Und ruht in sanftem Fall auf dem beeisten Zacken,

Wirft dann von des Gebirges Nacken

Mit ganzem Leib sich in den Ozean.

 

48.

So schwebt in tief gesenktem Bogen

Um Fisch bewohnter Klippen Rand

Die Möwe längs dem Meeresstrand,

Und netzt den niedern Fittig in den Wogen.

So kam jetzt zwischen Meer und Land

Durch Libyens getürmten Sand

Vom mütterlichen Ahn Merkurius geflogen,

Und brach mit schnellem Flug der Winde Widerstand.

 

49.

Kaum weilt sein Flügelfuß in Tyrus nächsten Gauen,

So stellt Aeneas sich ihm dar, bemüht

Die Mauern zu erneun und Türme zu erbauen.

Ein Schwert, mit Jaspis reich bezogen, glüht

An seinem Gurt, hell flammt um seine Lenden

Ein Oberkleid, mit Purpurblut getränkt,

Von der Geliebten ihm geschenkt

Und reich mit Gold durchwirkt von ihren eignen Händen.

 

50.

Schnell tritt der Gott ihn an. So, ruft er, Weiberknecht!

So überrascht man dich! Du baust Karthago′s Veste,

Du gründest zierliche Paläste,

Und dein Beruf, dein auf dich hoffendes Geschlecht,

Weg sind sie, weg aus deiner Seele?

Merk′ auf! Ich bringe dir Befehle

Vom Herrscher des Olymps, von jener furchtbarn Macht,

Vor der der Himmel bebt, des Erdballs Achse kracht.

 

51.

Von welcher Hoffnung Zauberseilen

Lässt sich dein müß′ger Fuß in Libyen verweilen?

Reizt dich des Ruhmes lorbeervolle Bahn

Nicht mehr, willst du für eignen Glanz nichts wagen?

Warum soll dein aufblühender Askan

Der Größe, die ihm winkt, entsagen?

Warum das Zepter sich entrissen sehn,

Das ihm beschieden ist auf des Janiuls Höhn?

 

52.

Kaum schweigt der Gott, so ist er schon den Blicken

Der Sterblichen in dünne Luft entrückt.

Mit schweigendem Entsetzen blickt

Aeneas nach, ihm schauert′s durch den Rücken,

Die Locken stehn bergan, im Munde stirbt der Laut.

Durchdonnert von dem göttlichen Befehle,

Beschließt er schnelle Flucht, und mit entschlossner Seele

Entsagt er seiner teuren Braut.

 

53.

Ach, aber wo der Mut, die Flucht ihr anzukünden?

Wo die Beredsamkeit, ein liebeflammend Herz

Zu heilen von der Trennung Schmerz?

Wo auch den Eingang nur zu dieser Botschaft finden?

Nach allen Mitteln wird gespäht,

Und von Entwurfe zu Entwurfe schwanken

Die stürmisch wogenden Gedanken,

Bis endlich der Entschluss bei diesem stille steht.

 

54.

Still soll Kloanth versammeln alle Scharen,

Die Flotte ziehen in den Ozean,

Doch nicht den Zweck der Rüstung offenbaren.

Indessen sie in ihres Glückes Wahn

Nicht träumt, dass solche Bande können reißen,

Will er, die nahe Flucht ihr zu gestehn,

Der Augenblicke günstigsten erspähn. -

Mit Lust vollstrecken die, was sie der Fürst geheißen.

 

55.

Doch bald erriet - wer täuscht der Liebe Seherblick?

Ihr ahnungsvoller Geist das drohende Geschick.

Den Schlag, der später erst sie treffen soll, beschleunigt

Ihr fürchtend Herz, im Schoß der Ruhe selbst gepeinigt.

Derselbe Mund, der so geschäftigt war,

Das Glück der Liebenden den Völkern zu berichten,

Entdeckt ihr, dass der Trojer Schar

Sich fertig macht die Anker schnell zu lichten.

 

56.

So fährt, wenn der Orgien Ruf erschallt,

Die Mänas auf, wenn durch ihr glühendes Gehirne

Die nahe Gottheit braust, und von Cithärous Stirne

Das nächtliche Geheul der Schwestern wieder hallt.

So schweifte Dido nun durch Tyrus ganze Weite

Im Wahnsinn ihrer Qual, bis sie, erschöpft im Streite

Des Stolzes und der Leidenschaft,

Mit diesen Worten den Trojaner straft:

 

57.

Verräter! Ruft sie aus, du hoffst noch zu verhehlen,

Was deine Brust doch zu beschließen fähig war?

Du willst dich heimlich aus Karthago stehlen?

Dich hält die Liebe nicht, Barbar,

Die Treue nicht, die du mir einst geschworen?

Die Unschuld nicht, die ich durch dich verloren?

Dich hält mein Tod, dich hält der Sterbeblick

Des Opfers, das du würgtest, nicht zurück?

 

58.

Im Winter selbst willst du die Segel spannen,

Willst dem Orkan zum Trotz von dannen?

Und ach! Wohin? Nach einem fremden Strand!

Zu Völkern, dir noch unbekannt!

Ja! Wäre nun dein Troja nicht gefallen,

Wär′s noch das Land der väterlichen Hallen,

Dem du durchs wilde Meer entgegen ziehst!

Unmensch! Und ich bin′s, die du fliehst!

 

59.

Bei dieser Tränenflut, bei deiner Manneshand,

Weil ich an dich doch Alles schon verloren -

Bei unsrer Liebe frisch geflochtnem Band,

Bei Hymens jungen Freuden sei beschworen!

Empfingst du Gutes je aus meiner Hand,

Hat jemals Wonne dir geblüht in meinen Armen,

Lass dich erbitten, bleib! O hab′ Erbarmen

Mit meinem Volk, mit dem verlornen Land!

 

60.

Um deinetwillen hasst mich der Numide,

UM deinetwillen sind die Tyrier mir gram,

Um deinetwillen floh der Unschuld stolzer Friede

Auf ewig mich mit der entweihten Scham;

Mein Ruf ist mir geraubt, die schönste meiner Kronen,

Der meinen Namen schon an die Gestirne schrieb.

Mein Gast reist ab - mit Tod mich abzulohnen!

Gast! Das ist′s alles, was mir von dem Gatten blieb.

 

61.

Wozu das traur′ge Leben mir noch fristen,

Bis Jarbas mich in seine Ketten zwingt?

Bis sich der Bruder zeigt, mein Tyrus zu verwüsten?

Ja, läge nur, wenn dich die Flucht von dannen bringt,

Ein Sohn von dir an meinen Mutterbrüsten,

Säh′ ich dein Bild, in einem Sohn verjüngt,

In einem teuren Julus mich umspielen,

Getröstet würd′ ich sein, nicht ganz getäuscht mich fühlen!

 

62.

Sie schweigt, und Zeus Gebot getreu bezwingt

Mit weggekehrtem Blick der Teukrier die Qualen,

Mit denen still die Heldenseele ringt.

Nie, rief er jetzt, werd′ ich mit Undank dir bezahlen,

Was dein beredter Mund mir in Erinnrung bring!

Nie wird Elisens Bild aus meiner Seele schwinden,

So lange Lebensglut durch meine Adern bringt,

Der Geist noch nicht verlernt hat zu empfinden!

 

63.

Jetzt wen′ge Worte nur. Nicht heimlich, wie ein Dieb,

O glaub′ das nicht, wollt′ ich aus deinem Reich mich stehlen.

Wann maßt′ ich je mich an, mit dir mich zu vermählen?

War′s Hymen, der an deinen Strand mich trieb?

Wär′ mir′s vergönnt, mein Schicksal mir zu wählen:

Was von der Heimat mir nur übrig blieb,

Mein Troja sucht′ ich auf, die Reste meiner Teuern,

Mit frischer Hand den Thron der Väter zu erneuern.

 

64.

Jetzt heißt Apoll′s Orakel nach dem Strand

Des herrlichen Italiens mich eilen.

Dort ist mein Hymen, dort mein Vaterland!

Kann dich, die Tyrerin, Karthago′s Strand verweilen,

Den du erst kurz zum Eigentum gemacht -

Warum in aller Welt wird′s Teukriern verdacht,

Sich in Ausonien nach Hütten umzuschauen?

Auch uns steht′s frei, uns auswärts anzubauen.

 

65.

Nie breitet um die stille Welt

Die Nacht ihr tauiges Gewand, nie sticken

Die goldnen Sterne des Olympus Zelt,

Dass nicht Anchisens Geist, Entrüstung in den Blicken,

Im Traumgesicht sich mahnend vor mich stellt.

Mich straft ein jeder Blick, der auf den Knaben fällt,

Dass ich durch Zögern ihn von einem Thron entferne,

Der sein ist durch die Gunst der Sterne.

 

66.

Und jetzt gebeut der Götterbote mir

Das Nämliche, von Herrn des Himmels selbst gesendet.

Bei meinem Leben, Fürstin! Schwör′ ich′s dir,

Bei meines Sohnes Haupt! Kein Wahn hat mich geblendet.

Ich selbst sah ihn - bei hellem Sonnenlicht -

In diese Mauren ziehn. Ich hörte seine Stimme.

Drum quäl′ uns beide nicht mir undankbarem Grimme;

Nicht freie Wahl entfernt mich sondern Pflicht.

 

67.

Längst hatte sie, indem er sprach, den Rücken

Ihm zugekehrt, und schaute wild um sich;

Dann misst sie schweigend ihn mit großen Blicken;

Jetzt reißt der Zorn sie fort. Verräter! Ruft sie, dich,

Dich hätte Cypria, die Göttin sanfter Lüste,

Dich Dardanns gezeugt? - In grausenvoller Wüste

Schuf Kaukasus aus rauen Felsen dich,

Und Tigermütter reichten dir die Brüste.

 

68.

Denn, was verberg′ ich mir′s? Braucht′s mehr Beweis?

Hat einen Seufzer nur mein Jammer ihm entrissen?

Mein Schmerz nur einmal aufgetant das Eis

In seinem Blick? Erschüttert sein Gewissen?

Floss eine Träne nur, sein Leid mir zu gestehn?

O was empört mich mehr? Sein Undank? Diese Kälte?

Gerechte Götter! Nein, von eurem hohen Zelte

Könnt ihr dies nicht gelassen sehn!

 

69.

Trau′ Einer Menschen! Nackt an meinem Strande

Fand ich den Flüchtling, da er scheiterte,

Zu wohnen gönnt′ ich ihm in meinem Lande,

Erhielt ihm die Gefährten, rettete

Der Flotte Trümmer - O mich bringt′s von Sinnen!

Nun kommt ein Götterspruch! Nun spricht Apoll!

Nun schickt Kronion selbst von des Olympus Zinnen

Befehle nieder, grässlich, schauervoll!

 

70.

O freilich! Das bekümmert die dort oben!

Das stört sie auf in ihrer goldnen Ruh!

Doch sei′s, wie′s sei! Ich schenke dir die Proben,

Geh immer, steure frisch dem Tiberstrome zu!

Noch leben Götter, die den Meineid rächen.

Auf sie vertraut mein Herz. Geh, überlasse dich

Den Wellen nur! Ich weiß, du denkst an mich,

Wenn zwischen Klippen deine Schiffe brechen.

 

71.

Abwesend eil′ ich dir in schwarzen Flammen nach,

Und schrecklich soll, wenn dieses Leibes Bande

Des Todes kalte Hand zerbrach,

Mein Geist dich jagen über Meer und Lande.

Bezahlen sollst du mir, entsetzlich, fürchterlich!

Ich hör′ es noch, wenn man mich längst begraben,

Im Reich der Schatten will ich mich

An dieser Freudenbotschaft laben.

 

72.

Hier bricht sie ab, entreißt in schneller Flucht

Sich zürnend des Trojaners Blicken,

Der noch verlegen säumt und fruchtlos Worte sucht,

Des Kummers Größe auszudrücken.

Besiegt von ihrem schweren Harm,

Sinkt sie in ihrer Dienerinnen Arm,

Die auf ein Marmorbett sie niederlegen,

Und den erschöpften Leib auf weichen Kissen pflegen.

 

73.

Wie feurig auch der Menschliche sich sehnt,

Durch sanfter Worte Kraft die Leidende zu heilen,

Wie mancher Seufzer auch den Heldenbusen dehnt,

Der Wink des Himmels heißt ihn eilen,

Und Amors Stimme weicht dem göttlichen Geheiß.

Er fliegt zum Stand, wo der geschäf′ge Fleiß

Der Seinen brennt, die Schiffe flott zu machen;

Schon tanzen auf der Flut die wohlverpichten Nachen.

 

74.

Noch ungezimmert bringen sie den Baum,

(So ernstlich gilt′s) noch grün die Ruder hergetragen,

Es lebt von Menschen, die zum Ufer jagen,

Vom Hafen bis zur Stadt der ganze Zwischenraum,

So, wenn geschäftiger Ameisen Scharen,

Dem kargen Winter Nahrung aufzusparen,

Den Weizenberg zu plündern glühn,

Und mit dem Raube dann in ihre Löcher fliehn.

 

75.

Der schwarze Trupp durchzieht die Schollen,

Bemüht die Beute fortzurollen,

Auf schmalem Weg, durch Gras und Kraut,

Stemmt dort, die schweren Körner zu bewegen,

Sich mit den Schultern kräftiglich entgegen;

Dem dritten ist die Aussicht anvertraut,

Der spornt das Heer und straft die Trägen,

Lebendig ist′s auf allen Wegen.

 

76.

Wie war bei diesem Anblick dir zu Mut,

Elisa? Welche Seufzer schicktest

Du zum Olymp, als du des Eifers Glut

Von deiner hohen Burg am Meeresstrand erblicktest?

Vor deinem Angesicht die ganze Wasserwelt

Erzittern sahst von rauen Schifferkehlen?

Grausame Leidenschaft, auf welche Proben stellt

Dein Eigensinn der Menschen Seelen!

 

77.

Aufs neue wird der Tränen Macht

Erprobt, aufs neu′ das stolze Herz den Siegen

Der Leidenschaft zum Opfer dargebracht.

Wie sollte sie, eh alle Mittel trügen,

Hinunter eilen in des Grabes Nacht?

Sieh, Anna, ruft sie aus, wie sie zum Hafen fliegen!

Wie′s wimmelt an dem Strand! Sieh! Sieh! Die Schiffe sind

Bekränzt, die Segel rufen schon dem Wind!

 

78.

Hätt′ ich zu diesem Schlage mich versehen,

So hätte, ihn zu überstehen,

Mir auch gewiss die Fassung nicht gefehlt.

Drum noch dies Einzige. Dir schenkt er sein Vertrauen,

Dir noch allein, du darfst in seine Seele schauen,

Nie hat er eine Regung dir verhehlt.

Du weißt des Herzens weiche Seiten auszuspähen,

Drum geh, den stolzen Feind noch einmal anzuflehen.

 

79.

Sag′ ihm, nie hab′ ich mich an Aulis Strand

Verschworen mit dem Feind, sein Ilium zu schleifen,

Nie Schiffe mitgesandt, die Veste anzugreifen,

Des Vaters Asche nie aus ihrer Gruft entwandt.

Warum schließt er sein Ohr hartherzig meiner Bitte?

Er warte doch, bis ein geneigter Wind ihm weht.

Er wage doch die Fahrt nicht in des Winters Mitte

Dies sei der letzte Dienst, um den ihn Dido fleht.

 

80.

Nicht jenes alte Band will ich erneuern,

Das er zerriss, nicht hinderlich ihm sein,

Nach seinem teuern Latium zu steuern;

Um Aufschub bitt′ ich ihn allein,

Um etwas Frist, den Sturm des Busens zu bezähmen,

Gelassner zu verschmerzen diesen Schlag!

Noch diesen Dienst lass in das Grab mich nehmen

Der deiner Liebe Maß an mir vollenden mag.

 

81.

So fleht die Elende. Der Schwester heiße Zähren

Bringt Anna vor sein Ohr. Umsonst! Die Götter wehren,

Sein fühlend Herz verschließt des Schicksals Macht.

So, wenn, den hundertjähr′gen Eichstamm umzureißen,

Die Alpenstürme wütend sich befleißen

Und brausend ihn umwehn. Bis an den Wipfel kracht

Der Stamm, sie fassen heulend seine Glieder,

Und von den Zweigen rauscht ein grüner Regen nieder.

 

82.

Er selbst hängt zwischen Klippen fest, so weit

Sein Wipfel aufwärts in den Himmel bräut,

So tief dringt seine Wurzel in die Hölle.

So ward von fremdem Flehn, noch mehr von eignem Schmerz

Zerrissen jetzt des Helden Herz,

Doch der Entschluss behauptet seine Stelle.

Wie auch sein Herz in allen Tiefen leidet,

Geschehen muss, wie das Geschick entscheidet

 

83.

Verhasst ist ihr fortan des Himmels Bogen,

Von grässlichen Erscheinungen bedroht,

Vom Schicksal selbst zum Abgrund hingezogen,

Beschließt die Unglückselige den Tod.

Einst, als sie den Altar beschenkt mit frommen Gaben,

Verwandelt jählings sich des heil′gen Weines Flut

Entsetzliches Gesicht! In Blut,

Und dies Geheimnis ward mit ihr begraben.

 

84.

Auch stand, den Mahnen des Gemahls geweiht,

Im Hause eine marmorne Kapelle,

Verehrt von ihr mit frommer Zärtlichkeit,

Geschmückt mit manchem Laub und glänzend weißem Felle,

Von hier aus hörte sie, wenn alles ringsum schlief,

Des Gatten Ton, der sie mit Namen rief,

Und einsam wimmerte auf hohem Dach die Eule

Ihr Tot weissagendes Geheule.

 

85.

Auch manch Orakel wird in ihrem Busen wach,

Aeneens Schatten selbst scheucht sie mit wildem Blicke,

Eilt der Geängstigten in Träumen drohend nach,

Und einsam stets bleibt sie zurücke.

Ihr däucht, sie wandle hin auf menschenleerer Flur,

Sie ganz allein auf einem langen Pfade,

Und suche ihrer Tyrer Spur

Längs dem verlassenen Gestade.

 

86.

So siehet Pentheus Fieberwahn

Die Schar der Furien ihm nahn,

Zwei Theben um sich her, zwei Sonnen aufgegangen

So ruft der Bühnen Kunst Orestens Bild hervor,

Wenn mit der Fackel ihn und fürchterlichen Schlangen

Der Mutter Schatten jagt, der Racheschwestern Chor,

Gespieen aus dem Schlund der Hölle,

Ihn angraust an des Tempels Schwelle.

 

87.

Als jetzt, ein Raub der schwarzen Eumeniden,

Elisa sich dem Untergang geweiht,

Auch über Zeit und Weise sich entschieden,

Tritt sie die Schwester an mit falscher Heiterkeit,

Lässt im verstellten Aug′ der Hoffnung Strahlen blitzen,

Tief scheint der lange Sturm des Busens jetzt zu ruhn:

Geliebte, freue dich, ein Mittel weiß ich nun,

Ihn zu vergessen oder zu besitzen.

 

88.

Am fernen Mohrenland, dort wo des Tages Flamme,

Sich in des Weltmeers letzte Fluten neigt,

Wo unterm Himmel sich der Atlas beugt,

Wohnt eine Priesterin aus der Massyler Stamme,

Ihr ist der Hesperiden Haus vertraut,

Sie hütete die heil′gen Zweige,

Besänftigte mit süßem Honigteige

Des Drachen Wut und mit dem Schlummerkraut.

 

89.

Die rühmt sich, jedes Herz, verletzt von Amors Pfeilen,

Durch ihres Zaubers Kraft zu heilen.

Auf andre drückt sie selbst den Pfeil des Kummers ab.

Sie zwingt in ihrem Lauf die Ströme still zu stehen,

Die Sterne kann sie rückwärts drehen,

Und Nachgespenster ruft sie aus dem Grab,

Zerreißt der Erde brüllend Eingeweide,

Und zieht den Eichbaum von des Berges Heide.

 

90.

Dass es bis dahin mit mir kommen muss!

Bei deinem teuren Haupt, bei Zeus Olympius,

Es fällt mir schwer! Doch jetzt kann Zauber nur mich retten.

Drum, Liebe, richte still mir einen Holzstoß auf

Im innern Hof des Hauses! Lege drauf

Das Schwert, jedweden Rest des Schändlichen, die Betten,

Wo meine Unschuld starb! Die Priesterin gebeut,

Zu tilgen jede Spur, die mir sein Bild erneut.

 

91.

Sie spricht′s, und Todesblässe deckt

Ihr Angesicht. Doch, dass in diesem Schleier

Der Schwester eigne Leichenfeier

Sich birgt, bleibt Annens blödem Sinn versteckt.

In der Verzweiflung Tiefen unerfahren,

Besorgt sie Schlimmres nicht, als was Elisens Gram

Beim Tod des ersten Gatten unternahm:

Drum säumt sie nicht, der Schwester zu willfahren.

 

92.

Bald steht durch ihrer Hände Fleiß

Ein großer Holzstoß aufgerichtet,

Aus Fackeln und aus dürrem Reis

Im innern Hofraum aufgeschichtet.

Ihn schmückt die Königin, wohl wissend was sie tut,

Mit einem Kranz und der Zypresse traur′gen Ästen,

Und hoch auf ihrem Brautbett ruht

Des Trojers Bild und Schwert mit allen Überresten.

 

93.

Auf jeder Seite zeigt sich ein Altar,

Und in der Mitte steht mit aufgelöstem Haar

Die Priesterin, in heil′ge Wut verloren.

Ihr fürchterlicher Ruf durchdonnert selbst die Nacht

Des Erebus. Des Chaos wilde Macht,

Ein ganzes Heer von Göttern wird beschworen,

Persephoneiens dreifache Gewalt,

Dianens dreimal wechselnde Gestalt.

 

94.

Die Fluten des Avernus vorzustellen,

Besprengt sie den Altar mit heil′gen Wellen.

Nach jungen Kräutern wird gespäht,

Die von des Giftes schwarzen Tropfen schwellen,

Beim Mondlicht mit der Sichel abgemäht;

Auch forscht man nach dem Liebesbissen,

Der auf der Fohle jungem Haupt sich bläht,

Dem Zahn des Mutterpferds entrissen.

 

95.

Sie selbst, das Opferbrot in frommer Hand,

Mit bloßem Fuß, mit losgebundenem Gewand,

Zum Tod entschlossen, steht an den Altären,

Des Himmels Zorn, der Götter Strafgericht

Auf ihres Mörders Haupt herab zu schwören,

Und schützt ein Gott der Liebe fromme Pflicht,

Der Treue heiliges Versprechen,

Ihn ruft sie auf, zu strafen und zu rächen.

 

96.

Gekommen war die Nacht, und alle Wesen ruhten

Erschöpft im süßen Arm des Schlafs. Tief schweigt

Der Wald, gelegt hat sich der Zorn der Fluten,

Zur Mitte ihrer Bahn die Sterne sich geneigt.

Der Vögel bunter Chor verstummt, die Flur, die Herden,

Was sich in Sümpfen birgt und in der Wälder Nacht,

Vergisst der Arbeit und Beschwerden,

Gefesselt von des Schlummers Macht.

 

97.

Nur deines Busens immer wachen Kummer,

Unglückliche Elisa! Schmilzt kein Schlummer,

Ni wird es Nacht auf deinem Augenlied.

Empfindlicher erwachen deine Schmerzen,

Aufs neu entbrennt in deinem Herzen

Der Kampf, den, ach! Verzweiflung nur entschied.

Jetzt Raub des Grimms, jetzt ihres Kummers Beute,

Beginnt sie so in diesem innern Streite.

 

98.

Unglückliche, ruft sie, was soll nunmehr geschehn?

Gehst du, von neuem dich den Freiern anzutragen,

Die du verächtlich ausgeschlagen,

Und der Nomaden Hand fußfällig zu erflehn?

Gehst du, den Teukriern als Magd dich anzubieten?

Du kennst ja ihre Dankbarkeit,

Du solltest wissen, wie bereit

Sie sind empfangne Opfer zu vergüten.

 

99.

Und öffnen sie dir wohl der Schiffe stolzen Schoß,

Sei′s auch, du könntest dies Schmach verschmerzen?

So wenig weißt du, wie gewissenlos

Laomedontier mit Treu und Glauben scherzen!

Folgst du den stolzen Ruderern allein?

Holst du mit deinen Tyriern sie ein?

Und kaum aus Sidons Stadt gewaltsam fortgezogen,

Vertraust du sie aufs neu dem Spiel von Wind und Wogen?

 

100.

Nein, stirb, wie du verdient! Das Schwert befreie dich.

Dir, Schwester, dank′ ich meinen Fall. Du gabest mich

Dem Feinde preis, von meinem Flehn bestochen!

Konnt′ ich nicht schuldlos, von Begierden rein,

Nicht frei von Hymens Band mich meines Lebens freun?

Mein Wort hab′ ich, Sichäus, dir gebrochen,

Geschworen deinem heiligen Gebein;

Erzürnter Geist, du wirst gerochen!

 

101.

So quälte jene sich, indes auf hohem Schiff,

Entschlossen und bereit Karthago′s Strand zu räumen,

Aeneas schlief. Ihm zeigte sich in Träumen

Dasselbe Bild, das jüngst mit Schrecken ihn ergriff,

Und bringt denselben Auftrag wieder,

Dem Flügelboten gleich an Stimme, an Gestalt,

Dasselbe blonde Haar, das Majens Sohn umwallt,

Derselbe schlanke Bau der jugendlichen Glieder.

 

102.

Ist′s möglich, ruft er, Göttinsohn!

An des Verderbens Rand kannst du des Schlummers pflegen?

Siehst die Gefahren nicht, die ringsum dich bedrohn,

Und hörst die Winde nicht, die deine Segel regen?

Von wilder Wut empört, sinnt jene, dich mit List,

Mit unentrinnbarem Verderben zu umschlingen!

Du eilst nicht mit des Windes Schwingen

Davon, da dir noch Flucht verstattet ist?

 

103.

Grüßt dich Aurora noch in diesem Land,

So siehst du weit und breit die Wellen

Mit Schiffen überdeckt, den ganzen Meeresstrand

Von Mord begier′gen Fackeln sich erhellen.

Flieh ohne Aufschub! Flieh! Veränderlich

Ist Frauensinn, und nimmer gleicht er sich! -

Er spricht′s und fließt in Nacht dahin. Voll Schrecke

Fährt jener aus dem Schlaf, und eilt sein Volk zu wecken.

 

104.

Wacht auf! Geschwind! Ergreift die Ruder! Spannt

Die Segel aus! Ein Gott, vom Himmel her gesandt,

Treibt mich aufs neu!, nicht länger mehr zu weilen,

Die Stränge zu zerhaun, die Abfahrt zu beeilen.

Wer du auch seist, erhabne Gottheit! Ja,

Frohlockend folgen wir dem Wink, den du gegeben,

Verleih uns Schutz! O sei uns hold und nah!

Lass über unserm Haupt geneigte Sterne schweben!

 

105.

Er spricht′s, und aus der Scheide blitzt

Sein flammend Schwert, und trennt des Ankers Seile,

Ihm folgt die ganze Schar, von gleicher Glut erhitzt,

Rafft alles fort, und treibt und rennt in voller Eile.

Schnell ist die ganze Küste leer,

Verschwunden unter Schiffen ist das Meer,

Es keucht der Ruderknecht und quirlt zu Schaum die Wogen,

Zahllose Furchen sind durchs blaue Feld gezogen.

 

106.

Und jetzo windet sich aus Titon′s goldnem Schoß

Des Morgens junge Göttin los

Und überströmt die Welt mit neugebornen Strahlen.

Aus ihren Fenstern sieht mit silberfarbem Grau

Die Königin den Horizont sich malen,

Sieht durch der Wasser fernes Blau

Die Flotte schon mit gleichen Segeln fliegen,

Die Küste leer, den Hafen öde liegen.

 

107.

Da schlägt sie mit ergrimmter Hand

Die schöne Brust, zerrauft die gelben Locken.

Allmächt′ger Zeus! Ruft sie erschrocken,

Er geht, er flieht von meinem Strand!

Dem Fremdling ging es hin, mich straflos zu verspotten?

Bewaffnet nicht ganz Tyrus mein Geheiß?

Auf, auf! Reißt aus dem Zeughaus meine Flotten!

Bringt Fackeln! Rudert frisch! Gebt alle Segel preis!

 

108.

Wo bin ich? - Weh, was für ein Wahnsinn reißt mich fort?

Jetzt hat dein feindlich Schicksal dich ereilet,

Unglückliche! Da galt′s, da war der rechte Ort,

Als du dein Reich mit ihm geteilet.

Das also ist der Held voll Treu, voll Edelmut,

Der seines Vaters Last auf fromme Schultern lud,

Der mit sich führen soll auf allen seinen Bahnen

Die Heiligtümer seiner Ahnen!

 

109.

Konnt′ ich in Stücken ihn nicht reißen, nicht zerstreun

Im Meer ihn und sein Volk? Nicht seinen Sohn erwürgen,

Auftischen ihm zum Mahl? - Wo aber meine Bürgen,

Dass er nicht siegte? Mocht′ es immer sein!

Was fürchtet, wer entschlossen ist zu sterben?

Sein Lager steckt′ ich an mit einer Löwin Wut,

Vertilgte Vater, Sohn, die ganze Schlangenbrut,

Und teilte dann frohlockend ihr Verderben!

 

110.

O du, vor dessen Strahlenangesicht

Kein Menschenwerk sich birgt, erhabnes Licht!

Du, Gattin Zeus, die meine Leiden kennet!

Du, Hekate, die man durch Stadt und Land

Auf finstern Scheidewegen heulend nennet!

Ihr Furien, ihr Götter, deren Hand

Die Sterbende sich weiht! Vernehmt von euren Höhen

Der Rache Aufgebot! Neigt euch zu meinem Flehen!

 

111.

Muss der Verworfne doch zum Ufer sich noch ringen,

Ist dem Verhängnis nicht s mehr abzudingen,

Ist′s Jovis unabänderliches Wort:

O so erduld′ er alle Kriegesplagen!

Von einem tapfern Volk aus seinem Reich geschlagen,

Gerissen aus des Sohnes Armen,

Such′ er bei Fremdlingen Erbarmen

Und sehe schaudernd der Gefährten Mord.

 

112.

Und fügt er sich entehrenden Verträgen,

So mög′ er nimmer sich des Throns noch Lebens freun,

Er falle vor der Zeit! Dies sei mein letzter Segen,

Mit diesem Wunsch geh′ ich dem Styx entgegen,

Im Sande liege unbeerdigt sein Gebein!

Dann, Tyrier, verfolgt mit ew′gen Kriegeslasten

Den ganzen Samen des Verhassten!

Dies soll mein Totenopfer sein!

 

113.

Kein Friede noch Vertrag soll jemals euch vereinen,

Ein Rächer wird aus meinem Staub erstehn,

In ihren Pflanzungen mit Feu′r und Schwert erscheinen,

Früh oder spät, wie sich die Kräfte tüchtig sehn.

Feindselig drohe Küste gegen Küste,

Nachgierig türme Flut sich gegen Flut,

Schwert blitze gegen Schwert, der späten Enkel Brüste

Entflamme unversöhnte Wut!

 

114.

Sie sprach′s und sann voll Ungeduld, die Bande

Des traur′gen Lebens zu zerreißen, rief

Sichäus Amme (ihre eigne schlief

Den langen Schlummer schon im mütterlichen Lande).

Lass, spricht sie, teure Barce, schnell

Die Schwester sich mit frischem Quell

Benetzen! Sag′ ihr an, dass sie die Tiere

Und die bewussten Opfer zu mir führe!

 

115.

Du selbst, Geliebte, säume nicht,

Mit frommer Binde dir die Schläfe zu verhüllen,

Ich will des angefangen Opfers Pflicht

Dem unterird′schen Zeus erfüllen

Und meinen Gram auf ewig stillen.

Sogleich flammt mit dem Bösewicht

Der Holzstoß in die Luft! - Sie spricht′s, und sonder Weile

Wankt jene fort mit ihres Alters Eile.

 

116.

Sie selbst, zur Furie entstellt

Vom grässlichen Entschluss, der ihren Busen schwellt,

Mit Blut erhitztem Aug′, gestachelt von Verlangen,

Der Farben wechselnd Spiel auf krampfhaft zuckenden Wangen,

Jetzt flammrot, jetzt, vom nahenden Geschick

Durchschauert, bleich, wie eine Büste,

Stürzt in den innern Hof, und, Wahnsinn in dem Blick,

Besteigt sie das entsetzliche Gerüste,

 

117.

Reißt aus der Scheide des Trojaners Schwert,

Ach, nicht zu diesem Endzweck ihr geschenket!

Doch! Als ihr Blick sich auf Aeneens Kleider senket

Und auf das wohlbekannte Bette, ekhrt

Sie schnell in sich, verweilt bei diesem teurenOrte,

Lässt noch einmal den Tränen freien Lauf,

Schwingt dann aufs Bette sich hinauf,

Und scheidet von der Welt durch diese letzten Worte:

 

118.

Geliebte Reste! Zeugen meiner Freuden,

So lang′s dem Glück, den Himmlischen gefiel!

Entbindet mich von meinen Leiden!

Empfangt mein fließend Blut! Auf euch will ich verscheiden:

Ich bin an meines Lebens Ziel;

Vollbracht hab′ ich den Lauf, den mir das Los beschieden;

Jetzt fliehet aus des Lebens wildem Spiel

Mein großer Schatten zu des Grabes Frieden.

 

119.

Gegründet ahb′ ich eine weit berühmte Stadt,

Und meine Mauren sah ich ragen;

Bestraft hab′ ich des Bruders Freveltat,

Der Rache Schuld dem Gatten abgetragen.

Ach hätte nie ein Segel sich

Aus der Trojaner fernem Lande

Gezeigt an meines Tyrus Strande,

Wer war glückseliger als ich!

 

120.

Sie spricht′s und drückt ins Kissen ihr Gesicht.

Und ohne Rache, ruft sie, soll ich fallen?

Doch will ich fallen, doch! Gerächet oder nicht!

So ziemt′s, ins Schattenreich zu wallen!

Es sehe der Barbar vom hohen Ozean

Mit seinen Augen diese Flammen steigen,

Und nehme meines Todes Zeugen

Zum Plagedämon mit auf seiner Wogenbahn.

 

121.

Eh diese Worte noch verhallen,

Sehn ihre Frauen si, durchrannt

Von spitz′gem Sthal zusammenfallen,

Das Schwert mit Blut beschäumt, mit Blut die Hand.

ihr Angstgeschrei schlägt an die hohen Säulen

Der Königsburg; sogleich macht des Gerüchtes Mund

Die grauenvolle Tat mit tausend stimm′gem Heulen

Dem aufgedonnerten Karthago kund.

 

122.

Da hört man von Geschrei, von jammervollem Stöhnen,

Von weiblichem Geheul die hohlen Dächer dröhnen,

Des Äthers hohe Wölbung heult es nach.

Nicht fürchterlicher konnt′ es tönen,

Wenn in Karthago′s Stadt die Flut der Feinde brach,

Das alte Tyrus fiel, der Flammen wilde Blitze

Sich fressend wälzten durch der Menschen Sitze

Und durch der Götter heil′ges Dach.

 

123.

Geschreckt durch den Zusammenlauf der Menge,

Durchschauert von dem grässlichen Gerücht,

Stürzt Anna, halb entseelt, sich durchs Gedränge,

Zerfleischt mit grimm′gen Nägeln das Gesicht,

Die Brust mit mörderischen Schlägen.

Das also war′s! Ruft sie der Sterbenden entgegen.

Mit Arglist fingst du mich! Dazu der Opferherd,

Dazu das Holz und des Trojaners Schwert!

 

124.

Weh mir Verlassnen! Wen soll ich zuerst beweinen?

Unzärtliche! Warum verschmähtest du im Tod

Die Schwester zur Begleiterin? Vereinen

Sollt′ uns derselbe Stahl, von Beider Blute rot!

Fleht′ ich darum die Götter an? Erbaute,

Dass ich allein dich deinem Schmerz vertraute,

Dies Holzgerüste? Weh! Mich ziehst du mit ins Grab

Dein armes Volk, dein Reich, dein Tyrus mit hinab!

 

125.

Gebt Wasser! Gebt, dass ich die Wunden wasche,

Mit meinen Lippen ihn erhasche,

Wenn noch ein Hauch des Lebens auf ihr schwebt!

Sie ruft′s und steht schon oben auf den Stufen,

Stürzt weinend an der Schwester Hals, bestrebt

An ihrer warmen Brust ins Leben sie zu rufen,

Die schon der Frost des Todes überflogen,

Zu trocknen mit dem Kleid des Blutes schwarze Wogen.

 

126.

Umsonst versucht, aus weit gespaltnem Munde

Pfeift unter ihrer Brust die Wunde,

Umsonst die Sterbende, den schwer beladnen Blick

Dem Strahl des Tages zu entfalten,

Rafft drei Mal sich empor, von ihrem Arm gehalten,

Und drei Mal taumelt sie zurück,

Durchirrt, das süße Licht der Sonne zu erspähen,

Des Äthers weiten Plan und seufzt, da sie′s gesehen.

 

127.

Erweicht von ihrem langen Kampf, gebeut

Saturnia der Iris, fortzueilen,

Der Glieder zähe Bande zu zerteilen,

Zu endigen der Seele schweren Streit.

Denn da kein Schicksal, kein Verbrechen,

Verzweiflung nur sie abrief vor der Zeit,

So hatte Hekate den unterird′schen Bächen

Das abgeschnittne Haar noch nicht geweiht.

 

128.

Jetzt also kam, in tausendfarbnem Bogen,

Der Sonne gegenüber, feucht von Tau,

Die Goldbeschwingte durch der Lüfte Grau

Herab aufs Haupt der Sterbenden geflogen.

Dies weih′ ich auf Befehl der Gottheit dem Cocyt,

Ruft sie; vom Leibe frei mag sich dein Geist erheben,

Sie sagt′s, und löst die Locke; schnell entflieht

Der Wärme Rest, und in die Lüfte rinnt das Leben.

 



(* 10.11.1759, † 09.05.1805)




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