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Die poetische Lizenz


Es tanzt ein Mann auf einem Seil

Mit der Lizenz, den Hals zu brechen,

Doch der Poet an seinem Teil

Muß mir nicht von Lizenzen sprechen;

Je schwerer, was er vor sich sieht,

Je leichter muß er es vollbringen,

Ein schlechter Reim passiert im Lied,

Doch das Sonett muß rein erklingen:

Es könnt′ ihn ja ein Schüler dort

Vermeiden, warum mit ihm rechten?

Allein den Meister braucht′s, das Wort

Vierfach und dreifach zu verflechten.

Nicht, daß ihm dies und das gelang,

Wird der Gebildete ihm danken,

Nur, daß sein Geist zur Höhe drang,

Wo man nicht kämpft, nur spielt mit Schranken;

Nur, daß er ihm die ganze Kunst,

Und wär′s im kleinsten Bilde, zeigte,

Der Musen wunderbare Gunst,

Der auch das Sprödeste sich neigte.

Drum geb′ ich denn mit Goethe nicht

Für den Gedanken alle Reime,

Ich fordre beides vom Gedicht,

Denn beides wächst aus einem Keime.



(* 18.03.1813, † 13.12.1863)




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