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Der Brahmine


In den bängsten Qualen windet

sich der frömmste der Brahminen,

Jahre hat er′s ausgehalten,

heute ist der Tag erschienen,

wo die Kräfte ihn verlassen,

die in ihm den Göttern dienen;

statt sie stumm wie sonst zu segnen,

stöhnt er laut empor zu ihnen.

 

Aber aus der Zelle Winkel

kommt der Tod herangeschritten,

und er spricht mit heller Stimme:

»Endlich hast du ausgelitten.

Wolle nur, und all die Schmerzen,

die dir Mark und Bein zerschnitten,

werden diesen Hund zerreißen,

der dir naht mit leisen Tritten.«

 

Eben leckt der treue Wächter

ihm die halb entblößten Hände,

und der Kranke flüstert schaudernd:

»Lieber duld′ ich bis ans Ende!

Traurig folgt mir stets sein Auge,

wie ich mich auch dreh′ und wende,

und ich sollt′ ihn so belohnen?

Fordre nicht, daß ich mich schände!«

 

»Nun, so gib mir einen Vogel,

lustig hör′ ich einen pfeifen,

er ist einer von den vielen,

die von Land zu Lande schweifen,

niemals wird er wiederkehren,

immer weiter muß er streifen,

und du bist ihm nicht verschuldet,

laß mich diesen denn ergreifen.«

 

»Rühr′ mir nimmer an den Vogel,

Flügel wurden ihm gegeben,

um mit seinem süßen Liede

Erd′ und Himmel zu verweben;

droben lauscht der Engel nieder,

unten horcht mit freud′gem Beben

ihm des Kindes trunk′ne Seele,

heilig ist mir solch ein Leben!«

 

»Eben stürzt in wilder Wüste

sich der Leu auf die Gazelle,

Angst versteinert ihre Glieder,

und sie kann nicht von der Stelle,

sichtbar klopfen ihr die Rippen

unterm buntbemalten Felle,

winke nur, so stürzt der Räuber,

und sie springt hinweg zur Quelle.« -

 

»Frommt der Hindin noch das Leben,

hat′s ihr Brahma auch beschieden,

und im rechten Augenblicke

hilft ein Wunder ihr zum Frieden.

Mich verlockst du nicht, zu töten,

um mir selbst die Frist hienieden

zu verlängern, wie die Ströme

meines kranken Bluts auch sieden.«

 

»Nun, so greif′ in das Gewimmel

unrein-ekler Kreaturen,

drin die bösen Geister hausen,

die das ew′ge Licht verschwuren

und zur Strafe ihres Trotzes

in die schnöden Larven fuhren:

Unken, Spinnen, Kröten, Würmer,

alle tragen Teufelsspuren.«

 

»Büßen sie für ihre Sünden,

nun, so büß′ ich für die meinen,

auch noch aus der Hölle Tiefen

führt ein Weg zurück zum Reinen;

wollte ich den letzten hindern,

sich Vergebung zu erweinen,

würd′ ich eines härtern Fluches

als sie alle wert erscheinen.«

 

»Hoffe nicht, daß sie′s erwidern,

rascheln hör′ ich schon die Schlange,

die dir droht mit gift′gem Stachel,

und dir selbst wird todesbange.

Aufgerichtet, wie zum Sprunge,

wälzt sie in geschweiftem Gange

sich heran, so opfre diese,

daß sie rasch den Lohn empfange.« -

 

»Schließen will ich meine Augen;

denn ich kann den Wurm nicht sehen.

Aber ist ihm Macht gegeben,

werd′ ich nimmer widerstehen.

Darf er mir das Leben rauben,

muß er auch von seinen Wehen

mich befrei′n, wie sollt′ ich zittern?

Mag, was kann und soll, geschehen!«

 

Grimmig schlägt die zorn′ge Schlange

jetzt den Zahn in seine Glieder;

doch, so wie sie ihn nur ritzte,

ist er auch ein Jüngling wieder,

aus dem losen Schulterpaare

sproßt ihm goldenes Gefieder;

Brahma aber ruft vom Himmel:

»Schweb′ empor, sonst steig′ ich nieder!«



(* 18.03.1813, † 13.12.1863)




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