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Geisterrache


Der Censor schlief, es war Mitternacht;

Da regt sich′s in seinen Schranken;

Da standen die bleichen Geister auf,

Die ermordeten Gedanken.

Sie seufzten tief, sie seufzten schwer;

Sie wankten und schwankten hin und her,

Und: wehe! wehe! wehe!

Erscholl′s in des Mörder′s Nähe,

 

»Ich hatte das arme Volk zu lieb!«

Erhub der Eine die Stimme.

»Ich forderte das versprochene Glück

Mit schlecht verbißenem Grimme.«

Der Dritte sprach: »Ich war munteres Blut,

Ich verwechselte ein Mal Scepter und Knut′!«

Der Vierte: »Ich war ein Tadel

Gegen den lästigen Adel.«

 

»Ich forderte keck das freie Wort!«

»Und ich die Gleichheit der Rechte.«

»Ich sagte: die Fürsten gehörten dem Volk.«

»Und ich: wir wären keine Knechte!«

»Ich höhnte die traurige Petition.«

»Ich aber rief: habt ihr vergessen schon?

Unterdrückt, verbietet nur fleißig:

Ein Tausend Acht hundert und dreißig!«

 

So sprachen sie alle in finsterm Groll,

Und schwuren Rache zum Himmel;

Drauf wirrt′s und schwirrt′s um des Schläfers Kopf,

Das böse Geister-Gewimmel.

Sie krochen durch Nase, durch Ohr und Mund;

Sie rißen am Haar ihn, sie stopften den Schlund,

Sie tobten auf seiner Stirne,

Sie schrieen in seinem Gehirne.

 

Früh Morgens wurde dem Censor verliehn

Ein großer, langer Orden;

Er aber sah stier auf das bunte Band,

Denn er war wahnsinnig worden. -

An jenem Schrank′, in der Nacht darauf,

Hing er mit dem Ordensbande sich auf,

Und draußen hörte der Wächter

Ein fürchterliches Gelächter.



(* 27.03.1810, † 25.10.1876)




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