Alte Inschrift am Straßburger Münster.

 

Zuletzt, da alles Werk verrichtet, meinen Gott zu loben,

Hat meine Hand die beiden Frauenbilder aus dem Stein gehoben.

Die eine aufgerichtet, frei und unerschrocken –

Ihr Blick ist Sieg, ihr Schreiten glänzt Frohlocken.

Zu zeigen, wie sie freudig über allem Erdenmühsal throne,

Gab ich ihr Kelch und Kreuzesfahne und die Krone.

Aber meine Seele, Schönheit ferner Kindertage und mein tief verstecktes Leben

Hab ich der Besiegten, der Verstoßenen gegeben.

Und was ich in mir trug an Stille, sanfter Trauer und demütigem Verlangen

Hab ich sehnsüchtig über ihren Kinderleib gehangen:

Die schlanken Hüften ausgebuchtet, die der lockte Gürtel hält,

Die Hügel ihrer Brüste zärtlich aus dem Linnen ausgewellt,

Ließ ihre Haare über Schultern hin wie einen blonden Regen fließen,

Liebkoste ihre Hände, die das alte Buch und den zerknickten Schaft umschließen,

Gab ihren schlaffen Armen die gebeugte Schwermut gelber Weizenfelder, die in Julisonne schwellen,

Dem Wandeln ihrer Füße die Musik von Orgeln, die an Sonntagen aus Kirchentürenquellen.

Die süßen Augen mußten eine Binde tragen,

Daß rührender durch dünne Seide wehe ihrer Wimpern Schlagen.

Und Lieblichkeit der Glieder, die ihr weiches Hemd erfüllt,

Hab ich mit Demut ganz und gar umhüllt,

Daß wunderbar in Gottes Brudernähe

Von Niedrigkeit umglänzt ihr reines Bildnis stehe.


Das Gedicht "Gratia divinae pietatis" stammt von   (1883 - 1914).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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