Ach! was wollt ihr, trübe Sinnen

Doch beginnen!

Traurigsein hebt keine Noth;

Es verzehret nur die Herzen,

Nicht die Schmerzen,

Und ist ärger, als der Tod.

 

Dornenreiches Ungelücke,

Donnerblicke

Und des Himmels Härtigkeit

Wird kein Kummer linder machen;

Alle Sachen

Werden anders mit der Zeit.

 

Sich in tausend Thränen baden,

Bringt nur Schaden

Und verlöscht der Jugend Licht.

Unser Seufzen wird zum Winde;

Wie geschwinde

Aendert sich der Himmel nicht!

 

Heute will er Hagel streuen,

Feuer dräuen;

Bald gewährt er Sonnenschein;

Manches Irrlicht voller Sorgen

Wird uns morgen

Ein bequemer Leitstern sein.

 

Bei verkehrtem Spiele singen,

Sich bezwingen,

Reden, was uns nicht gefällt,

Und bei trübem Geist und Sinnen

Scherzen können,

Ist ein Schatz der klugen Welt.

 

Ueber das Verhängniß klagen,

Mehrt die Plagen

Und verräth die Ungeduld;

Solchem, der mit gleichem Herzen

Trägt die Schmerzen,

Wird der Himmel endlich hold.

 

Auf, o Seele, du mußt lernen,

Ohne Sternen,

Wenn das Wetter tobt und bricht,

Wenn der Nächte schwarze Decken

Uns erschrecken,

Dir zu sein dein eigen Licht.

 

Du mußt dich in dir ergötzen

Mit den Schätzen,

Die kein Feind zu nichte macht

Und kein falscher Freund kann kränken

Mit den Ränken,

Die sein leichter Sinn erdacht.

 

Von der süßen Kost zu scheiden

Und zu meiden,

Was des Geistes Trieb begehrt,

Sich in sich stets zu bekriegen

Und zu siegen,

Ist der besten Krone werth.


Das Gedicht "Lied der Freude" stammt von (* 1616-12-25, † 1679-04-18).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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