Aus der Gruft heraus im Grabeskleid,

Nach dem Garten wallt die todte Maid,

Den sie einst so liebevoll gepflegt,

Der wohl tief um sie jetzt Trauer trägt.

 

»Weiße Lilien, wie mein Herz so rein,

Weinen wohl ums todte Schwesterlein?«

Ach, die Lilien weinen nimmermehr,

Nein, ihr Kelch ist licht und thränenleer.

 

»Meine Rosen, die ich so geliebt,

Wohl seid ihr erblaßt und tief betrübt?«

Ach, nicht färbte Gram die Rosen bleich,

Nein, sie glühen fort gar wonnereich.

 

»Nachtigall, du meines Herzens Herz,

Wohl ist deine Brust jetzt stumm vor Schmerz?«

Ach, nicht ist verstummt die Nachtigall,

Durch die Wipfel schmettert laut ihr Schall.

 

»Blüthenbaum, du neigst dein trauernd Haupt,

Weil du nun der Pflegerin beraubt?«

Ach, nicht ist des Baumes Haupt geneigt,

Sondern freudig in die Wolken steigt.

 

Einen Jüngling, den sie nie gesehn,

Sieht sie jetzt bei ihren Blumen stehn.

»Fremdling, sprich, was führt zu dieser Zeit

In den Garten dich der todten Maid?«

 

»Statt der Rosen bin ich gramesbleich,

Statt der Nachtigall so schmerzenreich,

Statt des Baums neigt meine Stirne sich,

Statt der Lilien wein’ ich still um dich.«


Das Gedicht "Die Leidtragenden" stammt von   (1808 - 1876).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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