Dort ein Palmbaum auf der Höhe

Aus dem Klostergarten ragt;

Erste Palme, die ich sehe,

Bringst du mir den Ost, der tagt?

 

Luftig schwankt wie Pfaugefieder

Ihre Kron’ am schlanken Schaft

Ueberm Rauschen laub’ger Brüder,

Stumm, durchsichtig, geisterhaft.

 

In dem Grase schläft am Baume

Ein Novize, jung und schön;

Hat gelispelt seinem Traume

Ostens Wonne aus den Höhn?

 

Denn er sieht in üpp’gem Kleide

Sich in Sammt und Golde nun

Auf den Kissen weicher Seide

Fern in einem Garten ruhn.

 

Blumen, ries’ge, wunderbare,

Gaukeln, duften, sprühn um ihn;

Liebliche Gazellenpaare

Durch die fernen Büsche ziehn.

 

Wundersame Vögel singen

Rings so schön, doch unsichtbar:

Plätschernde Fontainen springen

Aus den Marmorbecken klar.

 

In dem Wellenglanz sich spiegelt

Sein Palast in gold’ner Zier;

Rosenbüsche sind geflügelt

Paradiesesvögel hier.

 

Durch der Palmen Säulenhallen,

Schlank sich streckend kuppelan,

Stumm in weh’nden Schleiern wallen

Schöne Frauen stolz heran.

 

Und die weißen Schleier sinken!

Ach, der Augen Flammenschein!

Sultanlaunisch will er winken,

Denn sie sind ja alle sein!

 

Horch, Geschrei von allen Seiten,

Heulen, Jammern ihn erschreckt!

Ach, des Klosters Vesperläuten

Schrillen Tons hat ihn geweckt!

 

Ei getrost! Zum Chor ist’s eben

Vom Harem nicht allzuweit!

Mönch und Sultan, beide leben

In bequemem Faltenkleid!

 

Und noch blickt dein Osten nieder,

Deine Palm’, am schlanken Schaft

Schwankend leis wie Pfaugefieder,

Stumm, durchsichtig, geisterhaft.


Das Gedicht "Die erste Palme" stammt von   (1808 - 1876).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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