Zum Garten ging ich früh hinaus,

Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde?

Nach manchem Blümchen schaut ich aus,

Ich wollt′s für dich zum Angebinde;

Umsonst hatt ich mich hinbemüht,

Vergebens war mein freudig Hoffen;

Das Veilchen war schon abgeblüht,

Von andern Blümchen keines offen.

 

Und trauernd späht ich her und hin,

Da tönte zu mir leise, leise,

Ein Flüstern aus der Zweige Grün,

Gesang nach sel′ger Geister Weise;

Und lieblich, wie des Morgens Licht

Des Tales Nebelhüllen scheidet,

Ein Röschen aus der Knospe bricht,

Das seine Blätter schnell verbreitet.

 

»Du suchst ein Blümchen?« spricht′s zu mir,

»So nimm mich hin mit meinen Zweigen,

Bring mich zum Angebinde ihr,

Ich bin der wahren Freude Zeichen.

Ob auch mein Glanz vergänglich sei,

Es treibt aus ihrem treuen Schoße

Die Erde meine Knospen neu,

Drum unvergänglich ist die Rose.

 

Und wie mein Leben ewig quillt

Und Knosp um Knospe sich erschließet,

Wenn mich die Sonne sanft und mild

Mit ihrem Feuerkuß begrüßet,

So deine Freundin ewig blüht,

Beseelt vom Geiste ihrer Lieben,

Denn ob der Rose Schmelz verglüht -

Der Rose Leben ist geblieben.«


Das Gedicht "An Emilie" stammt von   (1802 - 1827).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte