Propheten der Sonne, der Morgen graut!

Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen

und beklagt euch über die Nachtdünste?

Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte,

und ihre Flügel funkeln schon!

Sie beschämen eure Menschengedanken,

ihr Bettler um das ewige Licht;

ich hasse eure Art Morgengrauen!

 

Freilich, in einsamen Nächten,

wenn der Gedanke ein Scherflein gilt

und die schwärmende Seele Millionen verschenkt,

wenn ich mit traumheißen Augen

über die Dächer Berlins hin

die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt

in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe,

wenn ich ein schmelzendes Erz bin

im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst:

ja, dann lieb ich euch alle,

möcht euch alle umarmen,

helft ihr doch alle uns treiben,

alle dem Licht entgegen drängen,

dem immer lockenden Licht der Zukunft.

 

Aber die Zukunft beginnt schon:

mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie,

und ist da, wenn ihr sie bringt!

Propheten der Sonne, was säumt ihr? -


Das Gedicht "Vor Sonnenaufgang" stammt von   (1863 - 1920).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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