1899, Berlin-Schmargendorf

 

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.

Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,

und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.

Und machst du nachts deine Stube licht,

um Menschen zu schauen ins Angesicht,

so musst du bedenken: wem.

 

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,

das von ihren Gesichtern träuft,

und haben sie nachts sich zusammengesellt,

so schaust du eine wankende Welt

durcheinandergehäuft.

Auf ihren Stirnen hat gelber Schein

alle Gedanken verdrängt,

in ihren Blicken flackert der Wein,

an ihren Händen hängt

die schwere Gebärde, mit der sie sich

bei ihren Gesprächen verstehn;

und dabei sagen sie: Ich und Ich

und meinen: Irgendwen.


Das Gedicht "Menschen bei Nacht" stammt von   (1875 - 1926).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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