Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein,

und auch geehrt; ich weiß es wohl.

Aber niemals soll

mein Stolz und Wert mir drum gemein

mit hunderttausend Andern sein.

 

Ich hab ein großes Vaterland:

zehn Völkern schuldet meine Stirn

ihr bißchen Hirn.

Ich habe nie das Volk gekannt,

aus dem mein reinster Wert entstand.

 

In meiner Heimat steht ein Baum,

den liebe ich, der steht sehr stolz

mitten im Mittelholz.

Da träumt ich manchen jungen Traum;

er wurzelt tief, der hohe Baum.

 

Da träumt ich, daß der Mensch allein

dem hunderttausendfachen Bann

entwachsen kann:

bis auch die Völker sich befrein

zum Volk! - mein Volk, wann wirst du sein?


Das Gedicht "An mein Volk" stammt von (* 1862-10-31, † 1918-07-09).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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