Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so holt
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.
Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, laß dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs bauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
laß uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.
Wollst endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod;
und wenn du uns genommen,
laß uns in Himmel kommen,
du unser Herr und unser Gott.
So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbar auch.
Das Gedicht "Der Mond ist aufgegangen (Abendlied)" stammt von Matthias Claudius (1740 - 1815).
Zusammenfassung / Inhalt
Das Gedicht „Abendlied“ beschreibt am Anfang die ruhige und friedliche Stimmung der Nacht. Der Mond und die Sterne scheinen am Himmel, während der Wald dunkel und still ist. Die Nacht wird als eine schützende „Kammer“ dargestellt, in der die Menschen zur Ruhe kommen und ihre Sorgen vergessen können.
Danach beschäftigt sich das Gedicht mit dem menschlichen Leben und seinen Grenzen. Die Menschen können nicht alles verstehen und erkennen, was auf der Welt passiert. Deshalb sollten sie nicht nur auf ihre eigene Vernunft vertrauen, sondern auch an Gott glauben. Am Ende bittet das lyrische Ich Gott um einen sanften Tod, Erlösung und Schutz für die Menschen.
Analyse
Das Gedicht "Abendlied" (1779; Epoche der Empfindsamkeit) besteht aus 7 Strophen mit je 6 Versen.
Das Reimschema ist ist [aabccb], als 2 Paarreime und ein Schweifreim. Das Versmaß ist ein dreihebiger Jambus (Verse 1-5) und im letzten Vers ein vierhebiger Jambus. Die Paarreime haben weibliche Kadenzen und der Schweifreim männliche Kadenzen.
Hintergrund
Der Kabarettist Dieter Hildebrandt (1927 - 2013) schrieb eine Parodie, indem er das Gedicht "Abendlied" zu einer Bundestagsrede von Helmut Kohl verarbeitete. Diese hatte offenbar die schrullige Marotte, Texte seiner "Ghostwriter" mit eigenen Ideen anzureichern - zum blanken Entsetzen seiner Berater.
Der Mond,
meine Damen und Herren, und das möchte ich hier in aller Offenheit sagen,
ist aufgegangen!
Und niemand von Ihnen, liebe Freunde, meine Damen und Herren, wird mich daran hindern, hier in aller Entschlossenheit festzustellen:
Die goldnen Sternlein prangen
und wenn Sie mich fragen, meine Freunde, wo, dann sage ich es Ihnen:
am Himmel!
Und zwar, und das sei hier in aller Eindeutigkeit gesagt, so, wie meine Freunde und ich uns immer zu allen Problemen geäußert haben:
hell und klar.
Und ich scheue mich auch nicht, hier an dieser Stelle ganz konkret zu behaupten:
Der Wald steht schwarz und ...
lassen sie mich das hinzufügen
und schweiget.
Und hier sind wir doch alle aufgerufen - gemeinsam -, die uns alle tiefbewegende Frage an uns gemeinsam zu richten: Wie geht es denn weiter? Und ich habe den Mut und die tiefe Bereitschaft und die Entschlossenheit, hier in allem Freimut und aller Entschiedenheit zu bekennen, dass ich es weiss!
Nämlich:
Und aus den Wiesen steiget
das, was meine Reden immer ausgezeichnet hat:
der weiße Nebel wunderbar.
Quelle: "Helmut Kohl spricht Matthias Claudius" auf der Homepage von Dieter Hildebrandt (leider offline, hier der Link zum "Internet Archive"). Dort vermerkt der Mitbegründer der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" auch, das ein Kritiker der SZ die Meinung vertrat, es handelt sich eigentlich um eine Polemik gegen Matthias Claudius — Honi soit qui mal y pense!
In der Vertonung von Johann Abraham Peter Schulz erhielt das "Abendlied" einen festen Platz im deutschen Liedrepertoire. Mit dieser Melodie steht es auch im Evangelischen Gesangbuch (EG 482, mit vierstimmigem Chorsatz von Max Reger (1899)), mit identischem Text und Melodie seit 2013 auch im katholischen Gotteslob (Nr. 93). Ursprünglich wurde es zur Melodie von "Nun ruhen alle Wälder" von Heinrich Isaac gesungen.
Insgesamt gibt es jedoch mehr als 70 Vertonungen. Franz Schubert komponierte sein Lied für Singstimme und Klavier (D 499) im November 1816. Weitere Fassungen schufen Michael Haydn, Carl Orff, Johann Friedrich Reichardt, Othmar Schoeck, Zsolt Gárdonyi. Interpretationen von Schulz’ Melodie stammen u. a. von Pe Werner im Duett mit Xavier Naidoo, Hannes Wader, Herbert Grönemeyer, Achim Reichel oder den Singphonikern, dem Tenor Peter Schreier, Heino oder Freddy Breck.
Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
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