Ich empfinde fast ein Grauen,

dass ich, Plato, für und für

bin gesessen über dir.

Es ist Zeit hinauszuschauen

und sich bei den frischen Quellen

in dem Grünen zu ergehn.

wo die schönen Blumen stehn

und die Fischer Netze stellen!

 

Wozu dienet das Studieren

als zu lauter Ungemach!

Unterdessen läuft die Bach

unsers Lebens, das wir führen,

ehe wir es inne werden,

auf ihr letztes Ende hin:

dann kömmt ohne Geist und Sinn

dieses alles in die Erden.

 

Holla, Junger, geh und frage,

wo der beste Trunk mag sein,

nimm den Krug und fülle Wein!

Alles Trauren, Leid und Klage,

wie wir Menschen täglich haben,

eh uns Clotho fortgerafft,

will ich in den süssen Saft,

den die Traube gibt, vergraben.

 

Kaufe gleichfalls auch Melonen

und vergiss des Zuckers nicht,

schaue nur, dass nichts gebricht!

Jener mag der Heller schonen,

der bei seinem Gold und Schätzen

tolle sich zu kränken pflegt

und nicht satt zu Bette legt;

ich will, weil ich kann, mich letzen!

 

Bitte meine guten Brüder

auf die Musik und ein Glas!

Kein Ding schickt sich, dünkt mich, bass

als gut Trank und gute Lieder.

Lass ich gleich nicht viel zu erben,

ei, so hab ich edlen Wein!

Will mit andern lustig sein,

muss ich gleich alleine sterben.


Das Gedicht "Carpe diem" stammt von   (1597 - 1639).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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