Es sitzt ein blinder Geiger

Am Markt und spielet auf:

Viel Leute gehn vorüber,

Doch Niemand höret drauf.

 

Er spielt die schönsten Weisen

Recht aus des Herzens Grund,

Und gibt in Sehnsuchtstönen

Sein tiefstes Leben kund.

 

Die Leute gehn und schauen

Hinauf am nächsten Haus:

Da sieht ein großer Affe

Vornehm zum Fenster 'raus!

 

Ein junges Kind nur einzig

Bleibt bei dem Geiger stehn,

Und gibt ihm einen Heller

Mild im Vorübergehn.

 

Die arme Dirn' ist thöricht,

Weil sie der Herzwurm plagt;

'S ist eine böse Krankheit,

Dem Himmel sey's geklagt!

 

Wohl weiß ich, was sie heilet;

Doch ist das Mittel rar;

Die Meisten siechen ewig,

Und Viele sterben gar.

 

Ich selbst, ich bin der Geiger

Und spiele mich in Schlaf;

Wer aber ist der Affe?

Man sagt, er sey ein – Graf!


Das Gedicht "Der blinde Geiger" stammt von   (1790 - 1862).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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