Seele, wirf den Kummer hin,
Deiner Hoheit nachzudenken,
Und las dir den freien Sinn
Durch des Leibes Last nicht kränken;
Diese Bürde, so man trägt,
Wird in kurzem abgelegt.

Die Gefangenschaft vergeht,
Stahl und Fessel müßen brechen;
Unsers Lebens Alphabet
Ist ja noch wohl auszusprechen,
Macht doch auch die ganze Zeit
Keinen Punkt der Ewigkeit.

Sklaven werden endlich frei
Und der Kerker aufgebrochen,
Wenn des Todes Tyrannei
Ihren Feinden Hohn gesprochen;
Ja, der längste Richterstab
Reichet selten bis ins Grab.

Heiden mögen mit der Gruft
Ihren Hoffnungspott verschließen
Und, wenn das Verhängnis ruft,
Tränen vor Verdruß vergießen,
Weil sie dieser Wahn betrügt,
Dass der Geist zugleich verfliegt.

Unser Glaube bricht die Bahn
Durch den Kirchhof in das Leben.
Wer die Welt nicht grüßen kan,
Lernt ihr zeitlich Abschied geben;
Denn er glaubet, dass der Geist
Sich der Sterblichkeit entreißt.

Nun wohlan, ich bin bereit,
Meine Glieder hinzulegen;
Denn des Todes Bitterkeit
Führet uns auf Dornenwegen
In des Himmels Rosenfeld,
Wo die Wollust Tafel hält.


Das Gedicht "Der Seelen Unsterblichkeit" stammt von   (1695 - 1723).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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