Glaube nicht nur dem Sonnenlicht:

Ganze Wahrheit zeigt es dir nicht!

Bist wohl zur Hälfte lichtdurchtränkt,

Aber zur Hälfte auch eingesenkt

Ins heimlichgroße Reich der Nacht -

Weißt du, was mehr dein Wesen macht?

Wenn du den Zauberbecher trankst,

Müd in den Schoß der Mutter sankst:

Schwindet da nicht in ihrem Kuß

All dein Tagsein, Not und Genuß,

Kampf und Können und Trotz und Trieb

Zu leichten Nebeln, bis nichts mehr blieb?

Und hobst du dein Haupt, und schautest du

In des Mutterauges bannende Ruh′:

Wird dir da nicht urmächtig bewußt

Manche Trauer und manche Lust,

Manch eine Furcht oder Zuversicht,

Die du nicht kennst im strömenden Licht?

Tag bringt Tat, und Nacht singt Sein,

Beide schließen dein Leben ein -

Lausche der Wahrheit, wo immer sie rief!

Klar ist der Tag: doch die Nacht ist tief.


Das Gedicht "Tag und Nacht" stammt von   (1866 - 1928).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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