Du leeres Fenster hoch am grauen Haus,

Du Lücke, die man einst dem Lichte ließ,

Dem Farbenstrom von draußen und von drinnen -

Wer alles lugte schon durch dich heraus,

Den dunkler Trieb ins Dämmerdasein stieß

Zu Lust und Leid, zum Sehnen und zum Sinnen?

 

Wie viele müden Alten mögen hier,

Im Sorgenstuhl beschaulich vorgerückt,

Ein letztes Weilchen noch gesonnt sich haben -

Wie manche schmucke Jungfer hat aus dir

Herabgelauscht beklommen und verzückt

Dem Liebeslockruf eines kecken Knaben!

 

Wie oft schon ließest du den Himmel ein

Zu einem Paare, das sich still und froh

Da droben in sein Heiligtum geborgen!

Wo sind sie, alle deine Kinderlein,

Die dir im Arme grüßten mit Halloh

Den ersten Schnee, die goldnen Sommermorgen?

 

Sie alle, die du hier umfangen hast,

Sie schwanden fort nach kurzem Heimatswahn

Als Bilder, wechselnd in dem einen Rahmen;

Und immer neue ludest du zu Gast

Und schenktest allen deine Sonnenbahn,

Daraus sie Glück und Schuld und Schicksal nahmen!

 

Heut' bist du einsam und gedankenvoll -

Dem du zuletzt die bunte Welt gezeigt,

Den haben neulich sie herausgetragen;

Nur kahlen Wänden gibst du Licht. Wer soll

Nun in den Rahmen, der erwartend schweigt?

Doch sieh! vorm grauen Hause hält ein Wagen.


Das Gedicht "Das Fenster" stammt von   (1866 - 1928).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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