Ich Kreuz, mein eignes Kreuz euch klage,

Wie man mir mitspielt heutzutage.

In allen bunten Modebuden,

Bei Christen, Heiden oder Juden,

Hat man mich feil von Gold und Eisen,

Und, um mir Ehre zu erweisen,

Trägt mich die Dirn auf nackten Brüsten

Bei eitlem Stolz und wilden Lüsten.

Auch auf dem Putztisch muß ich stehen,

Und schminken, kleben, pflastern sehen,

Und abends schmück ich dann die Feste,

Zur Unterhaltung frommer Gäste.

In euren neuen Almanachen

Muß ich das Titelkupfer machen,

Und darf im Innern auch nicht fehlen,

Muß im Sonett mich lassen quälen,

Und zwischen Schilling, Laun und Clauren

Ein liebes langes Jahr ausdauern.

Selbst in den Zuckerbäckerladen

Werd ich geprägt auf Tort′ und Fladen,

Und eingewickelt in Papieren

Muß ich Bonbons als Bildchen zieren;

Fürwahr, ich wäre schon verkommen,

Hätt sich nicht meiner angenommen

Die Politik auf ihrem Throne,

Und aus des dummen Pöbels Hohne

Mich glorreich zu sich aufgehoben.

Seitdem schweb ich zwar wieder oben,

Und werd in Akten und Traktaten

Geehrt von frommen Diplomaten;

Allein im schönen Morgenlande

Läßt mich, zu aller Christen Schande,

Trotz allem Jammern, allem Beten,

Frau Politik mit Füßen treten.

Ich seufz und muß darein mich finden:

Wer kann die Politik ergründen?


Das Gedicht "Ein Kreuzzeichen in der neuesten Facon" stammt von   (1794 - 1827).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte