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Lieder der Untreue - Erstes Lied


Sabinerin.

 

Bald, Geliebter, schickt der Vater

Mich nach Rom ins Nonnenkloster,

Täglich bitt′ ich ihn, es bittet

Täglich auch die gute Mutter,

Endlich naht das Wiedersehen

Endlich von Olevano

Scheid′ ich, und vielleicht auf immer.

 

Ich.

 

Könnt′ ich, schöne Nazarena,

Deine Hoffnung dir erfüllen,

Jene Träume, die ich spielend

Mit dem Feuerhauch der Sehnsucht

Dir im Herzen aufgeblasen,

Deren Süßigkeit und Glut

Ich verwegen mit dir theilte.

 

Sie.

 

Hab′ ich mich nicht, mein Geliebter,

Ganz dir anvertraut? Die Heimat,

Unsre Felsen, unsre Berge,

Gern verlass′ ich sie, die einz′ge

Tochter bin ich meiner Eltern,

Dennoch folg′ ich dir, mein Herz,

Wenn nur du getreu mir bleibest.

 

Ich.

 

Gutes Kind, du füllst mit Wehmuth

Und mit Reue mir die Seele!

Soll ich meine Schuld bekennen?

Gleich der sommerlichen Raupe

Spann ich mich in deinem Herzen

Traulich ein, als Schmetterling

Muß ich nun ins Weite fliegen.

 

Sie.

 

O was hör′ ich, wär′ es möglich?

Hätt′ ich wohl dein Wort verstanden?

Dich verlör′ ich, und entfaltet

Hier in dieses Herzens Wärme

Flögest du davon, du ließest

Mich am traur′gen Webestuhl,

Und du zögst in andre Länder?

 

Ich.

 

Was vermöcht′ ich dir zu sagen,

Ohne schmerzlich zu bereuen,

Was ich blind an dir verschuldet,

Ohne schmerzlich zu empfinden,

Was ich dir und mir verschwiegen,

Was ich dir und Ihr gethan,

Dir und Ihr gebrochen habe.

 

Sie.

 

O was sagst du, mich betrogen

Hättest du, die ich ins Kloster

Dir zu Liebe gehen wollte,

Die ich träumte mit dem Herbste

Meiner Liebe Frucht zu ernten.

Heimat, Eltern, Vaterland,

Selbst die Sprache dir zu opfern?

 

Ich.

 

Nenn′ es nicht Betrug, und willst du,

Ach, so sage lieber, daß ich

Dieses eigne Herz betrogen

Mit dem schmeichlerischen Wahne,

In des Südens goldnen Lüften

In den Schlummer es gelullt,

Draus die Schuld es nun erwecket.

 

Sie.

 

Guter Himmel, nach so langen

Schweren Zweifeln doch verrathen?

O was wird die Mutter sagen?

Wie das ganze Dorf mich schmähen,

Wie die Mädchen meiner spotten,

Ach und wie mein armes Herz

Seinen süßen Wahn beweinen!

 

Ich.

 

Tröste, schöne Nazarena,

Tröste dich, noch ist′s im Dunkel,

Und wir sind noch nicht geschieden;

Aber höre, wenn ich fühle,

Daß ich doppelt mich verschuldet,

Sei es eine schöne That,

Die mich doppelt auch entsühne.



(* 21.11.1804, † 17.01.1830)




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