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Die Nacht in St. Peter (1)


Am Tage, da St. Petrus einst in Rom

Den heil′gen Stuhl der Christenheit bestiegen,

Sieht man das Volk in seinem Riesendom

Vorm heil′gen Vater auf den Knieen liegen.

Und wie sie alle gläubig oder nicht

Von allen Enden zu dem Fest erschienen,

Da als der Glocke mächtiges Gewicht

Vom Schlag erklang, so kam auch ich mit ihnen -

Und als die Feier nun vollendet war,

Saß ich noch lange stumm an einer Säule,

Ich dachte manches mir, und wunderbar

Auch die Vergangenheit in stiller Weile.

Wenn hinter deinen stolzen Pinienhain

Die Sonne sinkt in ihren süßen Gluthen,

Gianicolo, wie da im Abendschein

Die Wolken trunken sind von goldnen Fluthen,

Ja, wie das Meer, wenn′s auch die Klipp′ umschäumt,

Die Fläche hin voll immer zärt′rer Töne,

Von dieses Himmels reinem Licht besäumt,

Doch glänzt in unaussprechlich hoher Schöne,

So sanft im Sonnenschein des Augenblicks

Erglühten alle Schatten meines Lebens,

Und selbst dem dunkeln Abgrund des Geschicks

Entdrohten alle Strömungen vergebens.

Dem Tantalus glich einst die Herzensqual,

Die mir die Tage nahm, die Nächte raubte,

Dem alten Halbgott, der das Feuer stahl,

Und das Geschlecht nur zu beglücken glaubte.

Fern vom Lebend′gen, in der Schattenwelt

Stand ich verwaist in grenzenloser Leere,

Die Brust vom heißen Wissensdurst geschwellt,

Von Sehnsucht nach Verdienst und Ruhm und Ehre.

Es winkte mir des Lebens goldne Frucht,

Und doch entschwang der Zweig sich meinen Lippen,

Und mitten in der Fluth war ich verflucht,

In Tropfen nur den kühlen Trunk zu nippen.

Und meine Schuld? Ach daß in kühnerm Drang

Nach höhern Dingen und nach größern Thaten

Mein Mund oft im begeisterten Gesang

Aus dem Olymp Geheimnisse verrathen.

Und als in reichem Frühling mein Gemüth

Die jungen frischen Augen aufgeschlossen,

In ungemeßner Liebe nun erblüht,

Den höchsten Schmerz, die höchste Lust genossen,

Da knüpft′ ich thöricht an der Blüthe Saft

Die sel′ge Hoffnung eines ew′gen Segens,

Bald starb die schöne Wirkung mit der Kraft,

Die Blume mit dem Keim des frohen Regens.

Der Schlange glich ich nun, die halb zerstückt,

Vom blut′gen Schwerdt der Feinde schon zerspalten,

Im letzten ungeheuern Weh umstrickt,

Was sie für alle Ewigkeit will halten.

Doch wie sie aus sich selbst sich auch erneut,

So wuchs auch ich aus eignem Drange wieder,

Nur daß von schwerer Schicksalshand geweiht,

Des Gifts zuviel blieb in der grimmen Hyder. -

Jetzt sah ich mich im großen Gotteshaus

Der Christenheit allein in all′ der Menge,

Sie beteten, sie gingen ein und aus,

Und Tausende verlor ich im Gedränge.

Hat ja ein Volk beinahe Raum genug

In diesem freundlich hochgewölbten Baue,

In dessen Hallen mich die Sehnsucht trug,

In dem ich auf, wie zu den Sternen schaue.

Still ist′s um mich: der ferne Orgellaut

Klingt leise her zu mir aus der Kapelle,

Jemehr der Abend durch den Tempel graut,

Jemehr die Sonne schwindet und die Helle.

Bald schweigt′s, und lange Züge seh′ ich schon

Die weite Marmorebene durchwallen,

Ein heilig Lied in schwermuthsvollem Ton

Hör′ ich in den Gewölben dumpf verhallen.

Sie sind verschwunden mit dem Volksgewühl:

Um mich und über mir ist′s Todtenstille,

Und dieser Stätte schauderndes Gefühl

Ergreift das Herz in nie gekannter Fülle.

Wie′s dunkelt! Wie schon von den Höh′n herab

Die Schatten wandeln in gewalt′gen Massen,

Wie seh′ ich′s düstern um St. Petri Grab,

Wie der Apostel furchtbar Bild erblassen!

Wie lagert sich voll heil′gem Grau′n die Nacht

Schon in der Kuppel wie in ihrem Schooße,

Wie Buonarotti′s Geist in ihr erwacht,

Die über Berge ragt gleich einer Rose.

Mich faßt der Schwindel! Als ob Geister mich

Empor zur himmelweiten Rundung zögen,

Wie für Jahrtausende, so fürchterlich

Thürmt sich hinan die Marmorlast der Bögen.

Welch Pünktchen in der dunkeln Fläche dort!

Kaum sichtbar ist′s - es regt sich - auf den Knieen

Liegt noch ein Mönch - bald schwebt auch dieser fort,

Allein bin ich mit meinen Phantasieen.

Ich blick′ empor, und bin der Mücke gleich,

Wie klein der Lichterkreis das Grab umzittert,

In diesem übermächt′gen Schöpfungsreich

Fühl′ ich vom Weltgeist schaudernd mich umwittert.

Mich fesselt eine namenlose Macht,

So daß die Sinne mir in Nebel schwinden,

Bis sich im Schlummer kühner angefacht,

Des Geistes Flammen, so wie nie entzünden.



(* 21.11.1804, † 17.01.1830)




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